Der Tagesspiegel : Der Fall Wolf: Missglückter Selbstmordversuch in der Zelle

Michael Mara

Mit dem Messer eines Einwegrasierers hat Jochen Wolf sich die Pulsadern aufgeschnitten - der verhaftete Ex-Minister wollte sich das Leben nehmen. Das Justizministerium bestätigte, dass Wolf gestern Morgen gegen sieben Uhr früh in der JVA Brandenburg einen Selbstmordversuch unternommen habe. Ein Mitgefangener habe die Vollzugsbeamten alarmiert. Wolf wurde in ein Krankenhaus gebracht und befand sich nach der ärztlichen Versorgung außer Lebensgefahr.

Der 59-Jährige war am letzten Freitag nach einem Treffen mit dem von ihm gedungenen Killer im Bahnhof Zoo verhaftet worden. Später hatte er gestanden, dass er den Mann damit beauftragt hatte, seine Ehefrau Ursula zu ermorden. Bei dem Killer soll es sich nicht um einen Profi-Killer handeln, wohl aber um eine Person aus dem kriminellen Milieu: Der Mann ist vorbestraft und saß bereits in Haft, allerdings nicht wegen Mordes. Kurz nachdem Wolf ihn mit dem Mord beauftragt hatte, war der Mann zur Polizei gegangen. Weder die noch die Staatsanwaltschaft zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Hauptzeugen.

Über das Motiv für den Selbstmordversuch Wolfs herrschte Dienstag Unklarheit. Das Ministerium gab erst fünf Stunden nach der Tat eine dürftige Pressemitteilung heraus, obwohl der Selbstmordversuch bereits am Morgen durch eine Vorab-Meldung der Bild-Zeitung bekannt geworden war. Die Staatsanwaltschaft und die Leitung der JVA Brandenburg/Havel lehnten jede Auskunft ab und verwiesen auf das Justizministerium. Wolfs Anwalt Sven Oliver Milke vermutete, dass sein Mandant "deprimiert war, plötzlich weggeschlossen und in einer Vier-Mann-Zelle untergebracht zu sein".

Nach Ansicht des Potsdamer Anwalts könnte Wolf mit einer relativ geringen Strafe davon kommen: Er gehe von verminderter Schuldfähigkeit zum Zeitpunkt der Anwerbung des Killers aus. Der Strafrahmen würde sich in diesem Fall auf drei bis fünf Jahre reduzieren. "Das weiß auch Herr Wolf, daher kann ich mir nicht vorstellen, dass er deswegen einen Selbstmordversuch unternommen hat", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Auch Ursula Wolf glaubt nicht, dass ihr Mann wegen der zu erwartenden Strafe sterben wollte: Sie vermute, dass er nicht ertragen konnte, "mit Leuten unter seinem Niveau in einer Zelle zu liegen".

Anwalt Milke suchte Dienstagnachmittag die Leitung der JVA auf, um die Verlegung seines Mandanten in eine Zwei-Mann-Zelle sowie die Erlaubnis für einen Fernseher und ein Radio zu erreichen. Dies habe nichts mit einer Sonderbehandlung zu tun, so Milke. Ministeriums-Sprecher Rolf Hellmert sagte auf Nachfrage, die Unterbringung hänge von den aktuellen Belegungszahlen ab. Er bestätigte, dass die JVA Brandenburg überbelegt ist. Sie habe eine Kapazität von 106 Plätzen, es seien aber 119 Personen inhaftiert. Montagnachmittag war in der JVA Brandenburg ein 33-jähriger Strafgefangener tot aufgefunden worden. Der Rumäne, der eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes verbüßte, hatte sich stranguliert. Fremdverschulden - der Selbstmörder lag mit einem zweiten Mann auf der Zelle - wurde inzwischen ausgeschlossen.

Ob Wolf nach Entlassung aus dem Krankenhaus in eine andere Zelle verlegt wird, stand gestern noch nicht fest. Ministeriumssprecher Hellmert sagte, zunächst würden die Berichte des Medizinischen Dienstes und der Brandenburger Anstaltsleitung ausgewertet. Wolfs Anwalt rechnet damit, dass der Prozess gegen Wolf schon in zwei bis drei Monaten beginnen kann. Die Staatsanwaltschaft sei bemüht, die Vorermittlungen zügig abzuschließen, so deren Sprecherin Sigrid Komor. Eine Prozess-Eröffnung in zwei bis drei Monaten sei "nicht unrealistisch".

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