Der Tagesspiegel : Der Fluch des zweiten Mals

Cottbus spielt wieder in der Bundesliga. Doch der Anspruch des Publikums könnte zum Problem werden

Sandra Dassler

Cottbus - Das wäre ihm früher nie passiert: Einen Saisonauftakt seiner Mannschaft zu verpassen, um mit seiner Freundin unter Palmen zu liegen? Natürlich ist Santo Domingo schön. Es gibt dort nur keine Bundesliga. Normalerweise würde Danilo Helbig morgen um vier Uhr früh in den Bus nach Mönchengladbach steigen. Sich dort die Seele aus dem Leib brüllen, um seinen Klub Energie Cottbus beim ersten Spiel der neuen Saison nach vorn zu peitschen. Und eine Woche später wäre er natürlich im Stadion der Freundschaft. Zum ersten Heimspiel kommt diesmal nicht Saarbrücken oder Braunschweig, sondern der HSV: Bundesliga-Spitze statt 2. Liga. Aber Danilo Helbig liegt am Strand.

Das letzte Testspiel am vergangenen Sonnabend hat er sich hingegen nicht entgehen lassen. Energie spielt gegen den spanischen Zweitligisten Las Palmas. Es ist regnerisch und die Stimmung nicht gerade euphorisch. Das mag auch an den langen Warteschlangen liegen. Offenbar hat der Verein sein neues System für den Kartenverkauf noch nicht im Griff. Dabei sind nur 3500 Zuschauer gekommen – und das ist exemplarisch für die Lage in Cottbus. Schon die Begeisterung nach dem Aufstiegsspiel war nicht vergleichbar mit der Freude im Jahr 2000, als Energie erstmals der Sprung in die 1. Liga gelang. Damals feierten die Einwohner drei Tage und Nächte lang. Diesmal ging es wesentlich ruhiger zu. Dabei stand der Verein eineinhalb Jahre zuvor noch vor dem finanziellen und spielerischen Aus. Die Schulden waren auf fünf Millionen Euro angewachsen, die Spieler bekamen nur 70 Prozent ihres Gehalts und auch das nur verspätet. Erst seit dem Wechsel von Trainer, Manager und Präsident geht es wieder aufwärts.

Trotzdem bleiben die Cottbuser skeptisch. Sie wissen inzwischen, wie schwer es ist, in der Bundesliga zu bestehen. Und so wird die Mannschaft, die Trainer Petrick Sander zusammengekauft hat, im Saison-Vorbereitungsspiel gegen Las Palmas kritisch beäugt. Auch von Danilo Helbig. Er trägt ein T-Shirt mit Energie-Logo und gegen den Regen eine Kapuzenjacke. Erkannt wird er dennoch. „He Kumpel“, brüllt ein Zwei-Meter-Mann und schlägt Helbig den tätowierten Arm auf die Schulter. „Hab’ gehört, du kommst nicht mit nach Gladbach?“ Helbig grinst verlegen und murmelte etwas von „Dom-Rep“, was seinen Kumpan versöhnlich stimmt. „Da ist wenigstens nich so’n Pisswetter“, sagt er und kauft sich am Container für sieben Euro eine Stehplatzkarte.

„Wahre Fans stehen immer“, sagt Danilo Helbig auf dem Weg zur Fankurve. „Meine Freundin bekommt nur in den nächsten zwei Wochen Urlaub. Deshalb bin ich nicht dabei. Früher wäre mir die Freundin egal gewesen.“ Mit sechs Jahren hat der heute 35-Jährige Energie Cottbus das erste Mal spielen sehen, mit acht war er Balljunge, mit zehn kickte er selbst im Verein. In 104 Stadien hat er bei 230 Auswärtsspielen als Fan gestanden, er war schon dabei, als Cottbus noch die Verlierer-Mannschaft des DDR-Fußballs war, der hinterhergerufen wurde: „Energie – ihr schafft es nie!“ Er fuhr mit seiner Elf auch zum SC Kladow, nach Charlottenburg oder Reinickendorf.

Lange her. Jetzt kommen wieder die Großen ins Stadion der Freundschaft. Bayern, Bremen, Schalke – alle müssen sie wieder ins ungeliebte Cottbus reisen, zu der „Gurkentruppe“ aus dem Spreewald, der keiner zutraut, dass sie sich in der Bundesliga hält.

„Das hat beim ersten Mal auch keiner geglaubt, und dann sind wir drei Jahre drin geblieben“, sagt Danilo Helbig. Dass das wieder gelingt, daran aber zweifeln viele in der Lausitz. Nicht allein, weil die Cottbuser den geringsten Etat der Liga haben. Nur rund 10 Millionen Euro können sie für Spieler und Personal ausgeben. Hertha BSC zum Beispiel hat dafür rund 26 Millionen zur Verfügung, Bayern München rund 50 Millionen Euro.

„Das Publikum ist auch anspruchsvoller geworden“, erzählt Danilo Helbig. „Früher hatten andere Mannschaften Angst, hierherzukommen. Die Zuschauer pfiffen die gegnerischen Spieler und den Schiedsrichter gnadenlos aus, wenn er gegen Cottbus entschied – egal, ob es berechtigt war oder nicht. Sie waren fanatisch und unfair.“ Er seufzt: „Das ist jetzt nicht mehr so. Die Leute wollen für ihr Geld auch ein gutes Spiel sehen.“

„Natürlich sind wir kritischer geworden“, sagt ein Cottbuser Autohändler, der noch überlegt, ob er sich eine Dauerkarte kaufen soll. „Wir haben ja schon mal oben gespielt, es ist nichts Besonderes mehr.“ Außerdem ist inzwischen auch den größten Optimisten in Cottbus klargeworden, dass die 1. Liga keine Arbeitsplätze schafft. Auch der immer wieder bemühte Vergleich vom kleinen, armen Ost-Verein gegen die großen, reichen Westclubs zieht nicht mehr bei allen. Wie auch, wenn viele Fans Neu-Cottbuser aus den alten Bundesländern sind. Präsident Ulrich Lepsch stammt aus Baden-Württemberg: „Für einen Profiverein gelten die Regeln des Profifußballs“, sagt er. „Wenn wir gut spielen, werden die Zuschauer kommen, wenn nicht, haben wir ein Problem.“

Lepsch weiß natürlich, dass gerade der Status als Underdog den Cottbusern immer die größte Motivation verliehen hat. Im Stadion der Freundschaft konnten die vermeintlichen Verlierer der deutschen Einheit bei Niederlagen Frust ablassen und bei Siegen Selbstbewusstsein tanken. Aber auch so etwas trägt nicht ewig. Danilo Helbig beispielsweise fühlt sich nicht als Verlierer. Zwar wurde er nach seiner Lehre im Kraftwerk Jänschwalde wie zigtausende Kohle- und Energiearbeiter in der Niederlausitz arbeitslos. Aber er hat auf Bankkaufmann umgeschult, danach studiert und verdient jetzt nicht schlecht. In seiner Sparkasse trägt er Anzug und betreut vermögende Privatkunden. Die gibt es in Cottbus auch, aber weitaus mehr Menschen kommen gerade so über die Runden. Die Arbeitslosigkeit liegt seit Jahren bei 20 Prozent, Besserung ist nicht in Sicht. Weil der Verein das weiß, bietet er für ALG-II-Empfänger ermäßigte Tickets – alle Heimspiele für 99 Euro.

Es hilft nicht. Trotz WM-Begeisterung sind erst 4500 Dauerkarten für die Saison verkauft. Dabei passen rund 22 000 Zuschauer ins Stadion. Vielleicht betont Trainer Petrick Sander deshalb immer wieder beschwörend, dass die ganze Region hinter dem Klub stehen müsse, wenn es mit dem Klassenerhalt klappen soll.

Unerwarteten Zulauf erhält Energie allerdings derzeit von der Cottbuser Uni. Dort studieren auch knapp 300 Chinesen, von denen viele ins Stadion der Freundschaft kommen, weil Jiayi Shao von 1860 München nach Cottbus gewechselt ist. Der 26-jährige chinesische Nationalspieler ist in seiner Heimat so populär, dass die Spiele von Cottbus im Reich der Mitte von einem Millionenpublikum verfolgt werden. Der Energie-Slogan „Im Osten geht die Sonne auf“ bekommt so eine ganz neue Bedeutung. Die Energie-Homepage wird gerade ins Chinesische übersetzt.

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