Der Tagesspiegel : Der Große Refraktor kehrt zurück

Das Doppel-Fernrohr auf dem Potsdamer Telegrafenberg ist restauriert

Claus-Dieter Steyer

Potsdam - Alte Technik muss immer mal wieder bewegt werden. Langes Stehen bekommt ihr nicht. Diese Binsenweisheit machte gestern auf dem Potsdamer Telegrafenberg unter den Schaulustigen die Runde. Deren Interesse galt einem Meisterwerk der Optik, das allein durch langes Herumstehen unbrauchbar geworden war. Der „Große Refraktor“ von 1899, eine aus zwei 13 Meter langen Fernrohren bestehende Apparatur zur Sternenbeobachtung, wurde letztmals 1967 bewegt. Danach machten sich die Wissenschaftler mit viel besseren Geräten an die Erforschung des Himmels. Die alte Apparatur aber stand still, niemand öffnete mehr die Kuppel des Astrophysikalischen Instituts Potsdam (AIP). Das gesamte Gebäude blieb sich selbst überlassen. Bis der Refraktor vor zwei Jahren zur Restaurierung ausgebaut und nach Jena geschickt wurde. Dort wurden die Fernrohre, ihre Linsen und die vielen Armaturen von Fachleuten in penibler Kleinarbeit instand gesetzt. Gestern nun begann der Wiedereinbau des sieben Tonnen schweren Gerätes.

Ein Kran beförderte die Einzelteile den ganzen Tag über präzise in die Kuppel, wo sie an diesem Wochenende verschraubt werden. Rund 600 000 Euro kostete die Restaurierung des bis heute viertgrößten Linsenteleskops der Welt. Das meiste Geld brachten die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die private Pietschker- Neese-Stiftung und der Förderverein Großer Refraktor auf.

So viel Aufwand für ein nicht mehr benötigtes Gerät mag verwundern. Doch Brandenburgs Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) entgegnet solchen Zweifeln: „Wir haben auch die Verpflichtung, Wissenschaftsgeschichte zu bewahren und erlebbar zu machen.“

Geschichte wurde am AIP tatsächlich geschrieben. Kaiser Wilhelm II. hatte zur Inbetriebnahme des Refraktors vor fast 106 Jahren immerhin beansprucht, den Vorsprung französischer und amerikanischer Wissenschaftler nun aufzuholen. Das gelang nicht ganz. Doch trotz zunächst mangelnder Güte der Objektive entdeckte Johannes Hartmann hier 1904 die „interstellare Materie“. Er zeigte, dass der Raum zwischen den Sternen keineswegs leer ist, sondern Staub und Gas enthält – „Reste von alten und Zutaten für neue Sterne“, wie er zutreffend erklärte. Auch die Vorstellung von „Fixsternen“, die unbewegt an ihrem Ort bleiben, konnte mit Hilfe des Potsdamer Refraktors revidiert werden.

Künftig sollen sich das Fernrohr und die inzwischen elektrisch betriebene Kuppel wieder öfter bewegen. Schüler und andere Interessierte können nach Abschluss der Montage mit dem Großen Refraktor den Himmel beobachten. „Im Stillstand kaputtgehen wird er nie wieder“, versichert Dierck-Eckehard Liebscher vom AIP.

Der Große Refraktor kann in einigen Wochen besichtigt werden. Informationen: 0331/749 93 82.

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