Der Tagesspiegel : "Der Handelsstreit muß beigelegt werden"

TAGESSPIEGEL: Der Kompromiß zum Potsdam-Center, der den Streit um den Bahnhofsklotz beenden sollte, ist am Veto der Potsdamer Händler gescheitert.Die Investoren haben den Händlern vergebens 3,5 Millionen Mark für die Belebung der Innenstadt geboten, wenn das Center ohne Abstriche eröffnet werden kann.Wie geht es weiter?

PLATZECK: Ich stehe zu meinem Wahlversprechen, transparent zu regieren und Betroffene einzubeziehen.So haben wir es in den letzten Wochen auch bei der Suche nach einem Ausgleich zwischen Potsdam-Center und Innenstadt gehalten: Das Votum der Händler haben wir bei unserem weiteren Vorgehen gegenüber den Investoren des Potsdam-Centers zu berücksichtigen.

TAGESSPIEGEL: Sie haben aber intensiv für einen Kompromiß geworben, um eine Bauruine zu verhindern ...

PLATZECK: Die Forderungen der Händler, die Verkaufsfläche am Bahnhof auf 12 500 Quadratmeter zu begrenzen und weitgehend auf kleine Läden zu verzichten, decken sich mit der juristischen Position der Stadt.Wir müssen dennoch weiter abklopfen, inwieweit diese durchsetzbar ist.Dazu ist es unabdingbar, daß jetzt ein externes Gutachten über die Auswirkungen des Potsdam-Centers auf die städtische Handelsstruktur eingeholt wird.Das wird die Grundlage für die ohnehin nötige Entscheidung des Stadtparlaments sein.Ich hoffe, daß wir eine einvernehmliche Lösung finden.Das Angebot der Investoren des Potsdam-Centers war ein Schritt in die richtige Richtung.

TAGESSPIEGEL: Sie streben noch mal einen Kompromiß beim Potsdam-Center an?

PLATZECK: Der Handelsstreit in dieser Stadt muß noch in diesem Jahr beigelegt werden.Er schadet Potsdam.Ebenso klar ist, daß bei jeglicher Lösung nicht jene Einzelhändler bestraft werden dürfen, die in der Innenstadt mutig investiert haben.Ein gangbarer Weg wäre es, das Potsdam-Center stufenweise zu eröffnen und zu erweitern.Abhängig davon, wie die Belebung der beiden verödeten Kaufhausstandorte in der Fußgängerzone gelingt.

TAGESSPIEGEL: Der Dauerkonflikt um das Potsdam-Center, der der Stadt beinahe die rote Karte der UNESCO einbrachte, ist noch nicht beigelegt, da steht neuer Ärger an - wegen der Abrißarbeiten in der Speicherstadt.Ist das die behutsamere Baupolitik, die seit dem Neuanfang im Rathaus propagiert wird?

PLATZECK: Nein, mit Sicherheit nicht.Ganz klar: Wir legen Wert darauf, daß mit dem Potsdamer Erbe sensibler umgegangen wird als in der Vergangenheit.Ich werde die Vorgänge in der Speicherstadt überprüfen lassen.Nach meiner Kenntnis stehen die betroffenen Gebäude nicht unter Denkmalschutz, so daß die Abrisse legal sind.Ob die Speicher denkmalwürdig sind, vermag ich bislang nicht einzuschätzen.

TAGESSPIEGEL: Es fällt auf, daß die Denkmalschutzbehörden offenbar mit zweierlei Maß messen: In der Speicherstadt hat man angeblich keine Handhabe gegen den Abriß von hundertjährigen, völlig intakten Gründerzeitspeichern.Dagegen plagen sich Investoren in der barocken Innenstadt mit strengsten Auflagen herum.Wie paßt das zusammen?

PLATZECK: Zunächst: Die unter Denkmalschutz stehenden und besonders wertvollen Persius- und Schinkel-Speicher bleiben erhalten.Was die Denkmalwürdigkeit der anderen Speicher angeht, befinden darüber die zuständigen Fachbehörden.Richtig ist, daß es in der Innenstadt tatsächlich Ärger und Unmut über Auflagen der Denkmalpflege gibt.Das ist ein objektiver Konflikt, der permanente Kompromißsuche erforderlich macht: Potsdam hat insgesamt in seinem Erscheinungsbild davon profitiert, daß der Denkmalschutz sehr gründlich betrieben wird.Dennoch würde ich mir bisweilen mehr Augenmaß und Verständnis für die Zwänge von Hauseigentümern und Investoren wünschen.Ich will versuchen, bei Konflikten die richtige Balance zu finden.

TAGESSPIEGEL: Das Rathaus steht wegen der dramatischen Haushaltslage vor stürmischen Wochen.Sie regieren bislang mit wechselnden Mehrheiten.Ist das für die jetzt nötigen rigorosen Sparbeschlüsse nicht zu riskant?

PLATZECK: Nicht, wenn sich die Erkenntnis in allen Fraktionen - auch der PDS - durchsetzt, daß wir keine Wahl haben.Potsdams Verschuldung ist eklatant gestiegen.Wir geben 1999 mehr als 20 Millionen Mark für Zinsen und Tilgungen aus.Wenn der Schuldenberg weiter wächst, ist Potsdam in wenigen Jahren wirtschaftlich am Ende.Deshalb hoffe ich, daß es Sparvorschläge aus allen Parteien und nach einer intensiven Debatte am Ende auch eine Mehrheit - egal, welche - für konkrete Entscheidungen geben wird.Ich bin weiterhin gegen eine feste Rathaus-Koalition.Diese würde Gräben in Potsdam - und davon gibt es zu viele - zementieren.

TAGESSPIEGEL: Widerstand gibt es gegen die von Ihnen befürwortete Abwicklung der Brandenburgischen Philharmonie Potsdam.Wäre es nicht ein Schildbürgerstreich, dem Orchester mit dem Nikolaisaal erst eine moderne Konzertstätte zu bauen, um es dann aufzulösen?

PLATZECK: Es ist ein schmerzhafter Schritt.Und ich bin offen für andere Vorschläge.Nur, Potsdams enge finanzielle Verhältnisse lassen es nicht mehr zu, alle - an sich wünschenswerten - Einrichtungen zu erhalten.

TAGESSPIEGEL: Setzen Sie den Rotstift bei der Kultur nicht an der falschen Stelle an?

PLATZECK: Alles steht auf dem Prüfstand.Ich höre jetzt immer, daß man Bildung, Schulen, Kitas, öffentlichen Nahverkehr, Kultur und Sport nicht gegeneinander ausspielen darf.Das ist ein Wunschtraum.Die Stadtverordneten müssen entscheiden, wie das vorhandene Geld aufgeteilt wird.Jede Mark kann nur einmal ausgegeben werden.Um diese Diskussion können wir uns nicht drücken.

TAGESSPIEGEL: Stehen Sie noch zum Theaterneubau?

PLATZECK: Dazu stehe ich, wenn die Entscheidung über die künftige Struktur der Hochkultur Potsdams gefallen ist: Fällt diese so aus, daß das Theater die prägende Kultureinrichtung der Stadt wird - mit Ausstrahlung auf Brandenburg/Havel und Frankfurt -, ist das Projekt gerechtfertigt.

TAGESSPIEGEL: An welchem Standort: in der Zimmerstraße am Schloßpark Sanssouci oder in der Schiffbauergasse in der Berliner Vorstadt?

PLATZECK: Das sollte man noch einmal gründlich prüfen.Für mich hätte der Standort Schiffbauergasse viele Vorteile: zum Beispiel wegen der Synergieeffekte zwischen freier Szene und Hochkultur.Nachdem Kabarett und Nikolaisaal eher versteckt auf Höfen gebaut wurden, bekäme Potsdam endlich einen Kulturstandort, der sich entfalten kann, der im Stadtbild sichtbar wird.

TAGESSPIEGEL: Nach den Strapazen der letzten Monate mußten Sie für einige Tage aussetzen, weil der Kreislauf schlappmachte.Manche befürchten, "Potsdams Hoffnungsträger" könnte aufgeben ...

PLATZECK: Keine Sorge, ich werfe nicht das Handtuch.Die Lehrjahre als Umweltminister waren ein gutes Härtetraining, auch wenn es bisweilen anders kolportiert wird.Die Potsdamer Herausforderung wird für mich um so größer, je unlösbarer die Aufgaben scheinen.

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