Der Tagesspiegel : Der Heurige: Alte Kultur, neue Qualität Beim jungen Wein findet der Wiener zu sich selbst

August F.Winkler

Beim Heurigen verewigt der Österreicher seine Biedermeierkultur. Das erste Viertel vom jungen Wein wird weggeschlabbert wie nix, während des nächsten halben Liters sind Frauen und Politik das Thema, danach das Leben an sich, und ab dem fünften Viertel trinkt sich dieses genussfreudige Völkchen heiter an jeder Katastrophe vorbei. Wir sind wir, und so lang noch Wein im Glas ist, die Musik spielt und das Backhendl goldgelb strahlt, kann nichts passieren, ausgenommen einige Anfälle von Melancholie, die Fremde für das Ausschlagen des angeblich goldenen Wiener Herzens halten.

In Wirklichkeit ist das nur ein Aufstoßen der Seele, sozusagen ein eruptives Raunzen, wie das österreichische Fachwort für Nörgeln heißt. Trotzdem gibt es kaum etwas Gemütvolleres, als bei einem guten Heurigen zu sitzen, sei es im Keller des Winzers, in dessen guter Stube oder draußen unter den Obstbäumen. Bereits nach dem ersten Schluck ist man mit der Schöpfung, en gros gesehen, recht zufrieden und genießt das Leben wie ein Künstler sein Werk.

Unter Heurigem versteht der Österreicher den Wein der letzten Ernte. Zwar gibt es den Heurigen das ganze Jahr über, aber aktuell ist naturgemäß der 2007er, übrigens ein Jahrgang mit geschmeidiger Finesse. Zur Weltanschauung wurde der Heurige durch den seit Jahrhunderten gepflegten Brauch, dass Winzer ihren Eigenbau ausschenken und dazu auch Schmankerl auftischen. Unter Joseph II. durften die Heurigenwirte nur Brot, Zwiebel und Knoblauch anbieten, doch gleich nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erweiterte Gauleiter Brückel, den die Wiener „Bierleiter Gauckel" nannten, dieses karge Sortiment bis zum kalten und warmen Buffet.

Doch die schlichte Seligkeit von einst, geschätzt vom weinverliebten Beethoven, verhärtete sich zum gemütlosen Geschäft; besonders in Grinzing, wo sich der „Nobelheurige“ zu einer grotesken Spielform des Buschenschanks entwickelte, trifft man mehr Amerikaner, Japaner und Italiener als Österreicher. In Stammersdorf kostet das Viertel deutlich weniger, und geborene Heurigengeher sind längst nach Nussdorf oder Neustift abgewandert.

Große Weine wird man da, von Ausnahmen abgesehen, nicht erwarten dürfen, aber bitte: Resche Kreszenzen, frisch, trocken und oft säurebetont, werden ausgeschenkt. Doch mit dem deutlichen Anstieg der Weinqualität in den letzten fünfzehn Jahren hat sich auch die Heurigenkultur enorm verbessert. Bei Fritz Wieninger in der Stammersdorfer Straße 78 gibt es Weine von internationaler Klasse, die es einem auch dann leicht machen, die von Liebe, Wien und Herzensschmerz handelnden Lieder zu ertragen, wenn man weder beschwipst noch grandios verliebt ist. August F.Winkler

Weitere Infos gibt es unter „Wiener Weinfrühling" bei: www.wienerwein. at

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