Der Tagesspiegel : Der Kanzlermacher

PDS-Kandidat Andreas Müller hält sich für einen der wichtigsten Männer Deutschlands. Er will Stoiber verhindern

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Von Sandra Dassler

Fredersdorf. Der Hüftschwung kommt gut. Die Rentnerinnen in der Fredersdorfer Begegnungsstätte der Volkssolidarität schieben den Bienenstich zur Seite und klatschen. Dieses Hochwerfen der Arme, dieses kokettierende Tänzeln während seiner Wahlkampfreden hat Andreas Müller nicht einstudiert. Es ist einfach über ihn gekommen – genau wie diese Bundestagskandidatur.

Anfang des Jahres hat PDS-Landeschef Ralf Christoffers den parteilosen Jugendrichter aus Bernau gefragt, und Müller hat schließlich Ja gesagt. Den Zuhörern erzählt er jetzt, warum: In der Justiz gäbe es zu viel Ungerechtigkeit, Handwerksmeister gingen in Konkurs, weil sie nicht an ihr Geld kämen, die Jugend würde nicht erzogen, weil die Strafe nicht auf dem Fuße folge. „Reden kann er“, sagt eine Frau, „aber das können die Politiker ja alle.“ Sie will ihn aber wählen. Obwohl die PDS auch nichts ändern könne, das sehe man ja in Berlin.

Die PDS hat im Osten viel an Popularität eingebüßt, deutschlandweit sehen sie die Meinungsforscher unter fünf Prozent. Ohne drei Direktmandate wird sie nicht in den Bundestag einziehen. Nur zwei sind laut Umfragen relativ sicher. „Quatsch“, sagt Andreas Müller. „Ich werde meinen Wahlkreis 59 gewinnen, weil Strausberg, Bernau und viele Orte in Barnim und in Märkisch-Oderland immer Hochburgen der PDS waren.“ Müller gerät ins Schwärmen, wenn er darüber nachdenkt, was sein Sieg bedeuten könnte: „Ich bringe die PDS in den Bundestag, ich verhindere Stoiber als Kanzler.“ Er holt tief Luft: „Wahrscheinlich bin ich zur Zeit einer der wichtigsten Männer Deutschlands“.

Nur schade, dass die Wähler das noch nicht gemerkt haben. Die Friseuse, bei der sich der 40-Jährige für den nächsten Auftritt die Haare schneiden lässt, hat gerade erst erfahren, wer Andreas Müller ist. Die Religionslehrerin, die ihre kleine Tochter aus dem Salon abholt, kennt den Jugendrichter ebenfalls nicht. Dabei hat er seinen Käfer rot lackieren lassen und „Mit Müller direkt in den Bundestag“ raufgepinselt. Ein „Müller-Mobil“. „Haben Sie keine Angst, dass der Westerwelle Sie verklagt?“, fragt eine Frau im Jugendklub, die zu ihrem Entsetzen gerade vernommen hat, dass Müller für die Legalisierung von Haschisch ist. Müller grinst: „Ich hatte die Idee schon vor dem Guido-Mobil. Und bin Jurist.“

Auf die Idee mit dem Friseurtermin ist Werner Förster gekommen, Mitglied im PDS-Kreisvorstand von Märkisch-Oderland. „Ich habe bis vor einigen Jahren in Berlin gewohnt, da ging es immer zur Sache.“ Förster schreibt Müller kleine Spickzettel zu den Orten, die er besucht. Er stellt ihm die „alten Genossen“ vor und hilft bei Verständigungsproblemen, wenn dem in Meppen aufgewachsene Müller Vokabeln fehlen. „Der Eppelmann hat seinen Pomoschnik vorgeschickt“, sagt einer. Müller guckt irritiert. „Pomoschnik heißt Mitarbeiter“, erklärt Förster. „Eigentlich Helfer“, verbessert Inge Rybka, die PDS-Vorsitzende von Fredersdorf. Sie hat den Kandidaten zwischen zwei Terminen zum Kaffee auf ihre Terrasse eingeladen. Überhaupt ist im Speckgürtel-Wahlkreis in diesen Tagen alles irgendwie schön: das Wetter, die sauberen Orte, die nach Äpfeln und Urlaub riechen, selbst das Plakat-Gesicht der SPD-Kandidatin, die bei der letzten Wahl gewann.

„Die Idylle täuscht“, sagt der Mann der PDS-Vorsitzenden. „In Wirklichkeit blutet der Osten aus.“ Wegen dieser spezifisch ostdeutschen Probleme, meint Rybka, müsse die PDS wieder in den Bundestag: „Man hat ja gesehen, wie die SPD den Thierse zurückgepfiffen hat, als der davon sprach, dass der Osten auf der Kippe steht.“ Der eigenen Parteispitze wirft Rybka vor, dass sie diese „Kernkompetenz der PDS“ nicht rüberbringt. „Wir an der Basis ackern im Wahlkampf wie immer. Aber die Führung lässt es schleifen.“

Dass auf die Parteibasis Verlass ist, wird bei einer überparteilichen Podiumsdiskussion am Abend in Wandlitz jedem klar. Eingeladen hat die Gemeinde, gekommen sind vor allem PDS-Anhänger. Müller sitzt vom Publikum aus gesehen ganz rechts, der Vertreter der Schill-Partei ganz links außen. Direkt neben den Moderatoren haben die SPD-Kandidatin und Rainer Eppelmann für die CDU Platz genommen. Eppelmann hält Müller für einen „gnadenlosen Populisten“. Im „Neuen Deutschland“ hat er gesagt, als Wessi habe der doch keine Ahnung von den Problemen der Menschen hier. Deshalb klatschen die PDSler jetzt bei jedem Statement von Müller besonders laut – vor allem, als es um Kriegseinsätze und Abrüstung geht. Eppelmann platzt der Kragen: „Zu DDR-Zeiten waren Sie doch alle der Meinung, dass der Frieden bewaffnet sein muss“, ruft er in den Saal. Aber die Anwesenden wollen lieber vom „Wessi“ Müller hören, dass sie noch immer Menschen zweiter Klasse sind in diesem Land. Und Müller tut ihnen den Gefallen: „Ostdeutsche werden durch das Rentenstrafrecht noch immer benachteiligt – nur wegen ihrer Biografien.“

Nach der Diskussionsrunde sind die Veranstalter unzufrieden. „Dass die PDS das hier so dominiert, hätte ich nicht gedacht“, sagt der parteilose Wandlitzer Bürgermeister. „Aber zum Glück war das kein repräsentativer Querschnitt der Wähler.“ Die gestresste Moderatorin lädt auch den PDS-Kandidaten noch auf ein Bier in die Kneipe ein. Doch als Müller dort später auftaucht, sind SPD und Grüne so pikiert, dass er wieder geht. „Macht nichts“, tröstet er die Moderatorin.

Draußen sind inzwischen auch die PDS-Anhänger verschwunden. Und so tuckert „einer der zur Zeit wichtigsten Männer Deutschlands“ in seinem rotlackierten Käfer nach Hause. Nach zehn Stunden, vier Wahlkampfauftritten, einem Wurstbrötchen und fast drei Schachteln Zigaretten.

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