Der Tagesspiegel : Der Mann aus dem Osten

Ravindra Gujjula wurde vor zehn Jahren zum Bürgermeister von Altlandsberg gewählt. Sein jüngster Erfolg: die Umgehungsstraße

Claus-Dieter Steyer

Altlandsberg. Der Weg hinter den Scheunen endet im Nichts. Tiefe Pfützen, Schlamm und Dreck machen die Weiterfahrt zu einem Wagnis. Aber der Bürgermeister will sich nicht abhalten lassen. „Ich möchte Ihnen unbedingt die Umgehungsstraße zeigen.“ Nach einigen Metern tritt er doch auf die Bremse und gesteht: „Ich habe unheimliche Angst vor dem Steckenbleiben. Vielleicht bin ich auch nur ein schlechter Autofahrer.“ Bevor er wendet, deutet der Mann aber noch nachdrücklich auf einen hohen Damm: „Das ist sie“, ruft er freudestrahlend. „Im September rollt hier der Verkehr. Dann habe ich bei meinen Wählern in Altlandsberg mein größtes Versprechen eingelöst.“

Der Mann ist kein gewöhnlicher Bürgermeister. Ravindra Gujjula stammt aus Indien, studierte Medizin in der DDR, eröffnete nach der Wende eine Arztpraxis und stellte sich vor zehn Jahren erstmals in Altlandsberg als ehrenamtlicher Bürgermeister zur Wahl. Und das ist er bis heute geblieben. Damit machte er sich und seine nicht weit hinter den letzten Hochhäusern von Marzahn liegende Kleinstadt berühmt. Die „New York Times“ schrieb über ihn, die BBC filmte ihn bei der Arbeit, indische Rundfunkstationen brachten Reportagen. Universitäten und Kongresse in ganz Deutschland laden ihn ein.

Der Grund für die Neugier liegt auf der Hand. Ravindra Gujjula ist dunkelhäutig – ein „Ausländer“ – und dennoch führt er eine Stadt im Osten. Seine Wahlergebnisse liegen selten unter 80 Prozent. Im Oktober zog er zudem für die SPD in den Kreistag von Märkisch-Oderland ein – natürlich mit den meisten Wählerstimmen.

Doch während der Rundfahrt durch seine Stadt hält sich der Bürgermeister mit politischen Erklärungen zurück. Er will, dass der Gast die Wichtigkeit der Umgehungsstraße erkennt. „Für die habe ich sogar mal eine Sitzblockade angeführt“, erzählt Gujjula. Anders sei das Verkehrsministerium nicht zu überzeugen gewesen. Auf dem Marktplatz leuchtet die Bedeutung der neuen Straße ein. Der gesamte Verkehr zwischen dem Autobahnring und der Märkischen Schweiz quält sich jetzt noch auf dem Kopfsteinpflaster mitten durch den Ort. Ein gemütlicher Einkaufsbummel ist kaum möglich. Vor allem verschwinden hinter dem Gedröhn die vielen instand gesetzten Häuser mit den renovierten Fassaden. 70 Prozent aller Gebäude, so der Bürgermeister, befinden sich heute in einem guten Zustand. Dabei sah es vor zehn Jahren noch ganz anders aus. „Damals wurde das erste restaurierte Haus zum Stadtgespräch. Jetzt sind es die letzten alten Gebäude“, erzählt Gujjula.

Er lächelt zufrieden. Zu DDR-Zeiten sei der Ruf der Stadt nicht der beste gewesen. Damals hieß es etwas überspitzt, dass in Altlandsberg jeder mit jedem verwandt sei. Es gab überdurchschnittlich viele Alkoholiker. Zudem wurden Personen, die von den Behörden wegen „asozialen oder kriminellen Verhaltens“ mit einem Berlin-Verbot belegt wurden, hauptsächlich in diesem Vorort angesiedelt. Das Stadtzentrum verfiel wie in anderen ostdeutschen Orten. 120 Wohnungen in der Umgebung des Marktplatzes waren 1989 unbewohnbar. An allen Ecken fehlte Geld.

Doch das Wunder gelang. Dank des Förderprogrammes der Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ flossen mehrere Millionen Euro auch nach Altlandsberg. Die Stadt selbst musste nur 20 Prozent der Restaurierungskosten der Häuser zahlen, der Rest kam aus Kassen des Bundes und des Landes. Viel Geld brachten außerdem gut verdienende Berliner Familien in die Stadt. Die kauften massenhaft preiswertes und bereits erschlossenes Bauland – im Schnitt für nur 128 Mark pro Quadratmeter – und verlegten ihren Wohnsitz hierher. Beim Amtsantritt von Gujjula im Dezember 1993 lebten 2861 Menschen in Altlandsberg. Heute sind es rund 5000 Einwohner.

Durch die Steuereinnahmen wuchs auch die Attraktivität der Stadt. Der Brandenburger Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) lobt die völlig renovierte und ausgebaute Stadtschule als „modernste des ganzen Landes“. 1998 feierten die Einwohner die Eröffnung der großen Erlengrundhalle, die heute aus dem Stadtleben nicht mehr wegzudenken ist. „Aus unserer Partnerstadt Lohn im tiefen Westen habe ich anfangs eine wichtige Lehre mitgenommen“, erzählt Ravindra Gujjula. „Gründe so viele Vereine, wie nur möglich. Dann stimmt die Stimmung im Ort.“ Er selbst ist Mitglied im Heimatverein („obwohl ich von Geschichte keine Ahnung habe“), im Gewerbeförderverein, im Hobby- und Kulturverein und im Lions-Club. „Ich will anschieben. Alles andere findet sich.“

Er weiß sehr wohl, dass die Altlandsberger überregional durchaus als Exoten betrachtet werden. „Ich glaube, bei der ersten Wahl 1993 wussten sie gar nicht, was sie da getan hatten. Ein Ausländer als Bürgermeister? Obwohl ich schon lange die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, war es doch fast unglaublich.“ Trotz vieler schrecklicher Vorfälle nimmt Gujjula die Brandenburger in Schutz. „Sie sind keineswegs extrem ausländerfeindlich, jedenfalls nicht mehr als andere.“ Dabei hat er selbst schlimme Erfahrungen machen müssen. Für ein Filmteam testete er an der deutsch-polnischen Grenze die Taxifahrer auf ihre Fremdenfreundlichkeit – und wurde meist als Fahrgast stehen gelassen. Damals lag über den Fahrern allerdings der Verdacht, mit Menschenschmugglern zu paktieren.

Ravindra Gujjula fährt noch an vielen neuen Bauprojekten in seiner Stadt vorbei. Er sprüht förmlich vor neuen Ideen. Es wundert kaum, dass er einst ein Elefantenrennen in Hoppegarten für einen guten Zweck organisierte oder im vergangenen Sommer das deutschlandweite größte Computer-Hacker- Treffen in seiner Stadt eröffnete. Amüsiert antwortet er auf Gerüchte, bei der Aktion seien die Codes für das amerikanische Stromnetz geknackt worden. „Sollten die großen Stromausfälle wirklich ihre Ursache in Altlandsberg haben?“, fragt er und schüttelt lächelnd den Kopf. „Wir haben wichtigere Dinge vor uns.“

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