Der Tagesspiegel : "Der Maulwurf": Der einstige Fluchthelfer gräbt heute ein Loch für seinen Swimmingpool

Guido Schirmeyer

Wohin hat sich eigentlich Hasso Herschel, der "Maulwurf", verkrochen? Seit vielen Monaten schon backen Italiener Pizzas in dem ehemaligen "Hasso-Herschel"-Steakhaus an der Kantstraße, das im Rinderwahnsinn pleite ging. Hier feierte der bekannte Berliner Fluchthelfer und Tunnelgräber Herschel unter Holzbalken aus Mielkes Sommerhaus gern mit seinen alten "Kunden", die er einst für Mitfahrpreise bis zu 14 000 Mark in den Westen geschleust hatte - manchmal im Kofferraum seines roten Ford-Mustang oder in eigens präparierten Limousinen.

Mit 65 gehen auch Abenteurer "in Rente": Der "Maulwurf" hat sich nach einer Gastronomen-Karriere in die Uckermarck zurückgezogen und will nun, wie es sich für einen Abenteurer gehört, ein Buch über seine wilden Jahre schreiben. Doch das Buddeln kann der Tunnelgräber noch immer nicht lassen: Gerade hat Herschel eine 16,5 Meter lange und zwei Meter tiefe Grube für seinen Swimmingpool geschaufelt, diesmal nicht mit bloßen Händen wie einst, sondern mit einem eigenen, ausrangierten LPG-Bagger. Mit dem Schwimmbecken erfüllt sich der einstige DDR-Jugendschwimmeister den Traum vom sportlich-komfortablen Leben im Grünen. Mit dem gediegenen Alterssitz, einem ehemaligen Bauernhof mit Wirtschaftsscheunen, ein paar Kilometer südlich von Prenzlau und in Nachbarschaft zu Nina Hagens Mutter Eva-Maria, hat Herschel rechtzeitig Altersvorsorge getroffen.

Seinen alten Mustang mit den raffiniert eingebauten Hohlräumen hat der "Maulwurf" gegen einen Geländejeep eingetauscht, ansonsten liebt der alte Draufgänger heuer echte Pferde-Stärken und Schafe, die auf seinen Weiden grasen - und sein vierjähriges Töchterchen, das mit Hassos Kätzchen spielt. Dann sitzt Herschel beim Rotwein an seinem Kamin, grillt seine geliebten argentinischen Steaks und blickt zufrieden aus dem Fenster in die Unterwasserbeleuchtung seines Pools. "Am ersten April ist Anschwimmen", freut sich der Junggeselle, der bis dahin sein Buch über sein turbulentes Leben geschrieben haben will. "Darüber, wie mir die Stasi mit vier Jahren unmenschlicher Haft meine Jugend gestohlen hat". Und über seine Flucht am Checkpoint Charlie mit Schweizer Paß im Kommunionsanzug. Wie er seine Schwester Anita damals mit 56 anderen durch den Fluchttunnel gezogen hat. Über den Kubikmeter Stasi-Akten ("Operation Maulwurf") die über ihn bei der Gauck-Behörde lagern. Sein alter Freund Rainer Hildebrandt will Hasso Herschels Biografie dann in seinem Mauermuseum am Checkpoint Charlie verkaufen.

Am kommenden Montag wird der "Maulwurf" in der Beckmann-Show (ARD 23 Uhr) schon mal Kostproben aus seinem Lebens-Buch erzählen, denn seit einiger Zeit bestreitet Herschel seinen Lebensunterhalt von Talkshow-Auftritten und Filmangeboten. Erst voriges Jahr gewann der Autor Marcus Vetter mit seinem Dokumentarfilm "Der Tunnel" den Adolf-Grimme-Preis. Der Film schildert die Heldentat Herschels, wie er 1962 mit drei Freunden in neun Monaten härtester Arbeit einen 120 Meter langen Fluchttunnel unter der Mauer an der Bernauerstraße gegraben hat. Nach seinem Bravourstück folgten die Jahre als Schleuser. Seine Fluchthilfen beendete er mit dem Berlin-Abkommen in Helsinki 1972. Von den Erlösen baute sich Herschel eine Gastro-Karriere auf. Stasi-Folter, Verfolgung, Nachtclub-Milieu - Herschels Abenteuer sind ab 21. Januar auch im Fernsehen zu sehen: Sat 1 verfilmte Herschels Leben für den bisher aufwändigsten Zweiteiler, den der Privatsender bisher produziert hat.

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