Der Tagesspiegel : "Der nächste Boris Becker kommt aus Brandenburg"

MATTHIAS SCHLEGEL

BERNAU .Mutter und Vater stehen auf der hölzernen Brüstung, die wie eine Kommandobrücke die Tennishalle überspannt, und schauen auf die Knaben, die unten die Schläger schwingen.Während bei ihr noch ein sorgenvoller Zug die Augen umspielt, weil sie ihren 16jährigen Sprößling im Internat und monatlich 500 Mark Salär zurückläßt, wähnt der Papa den Sohn schon in Wimbledon.

Die ersten zehn Internatsschüler sind in die neue Günther Bosch Tennis-Akademie in der Bernauer Waldsiedlung eingezogen.Seit Anfang der Woche schlagen sie unter sachkundiger Anleitung des Teams um den einstigen Erfolgstrainer von Boris Becker die ersten Bälle in der Halle, in der es noch nach frischem Bodenbelag, Farbe und Holz riecht.Der in Monte Carlo beheimatete Bosch geht nun hier seinem Beruf nach, so, wie er es zuletzt in Salzburg und Königslutter tat, wo die Trainer-Verträge ausgelaufen sind.Der 61jährige ist überzeugt, daß der nächste Boris Becker aus dem Land Brandenburg kommen wird.

Der moderne Bau mit seinen sechs Plätzen und einem Fitnessbereich sowie die angrenzende Mehrzweckhalle mit sechs Badminton-Feldern und zwei Squash-Kabinen wurde als Kern des künftigen Akademie-Areals Ende vorigen Jahres fertiggestellt.Vier der sechs Tennis-Felder sind von australischen Fachleuten mit dem gleichen Spezialbelag ausgestattet worden, auf dem auch die Australian Open ausgetragen werden.Die zwei Teppichgranulatplätze sind den Clay Courts nachempfunden und bieten auch im Winter die Möglichkeit, sich auf Sandplatzspiele vorzubereiten.

Die Halle fügt sich mit ihrer eindrucksvollen Holzbalkenkonstruktion harmonisch in den von märkischen Kiefern umgebenen Standort ein.Hier und auf dem unmittelbar benachbarten Gelände der heutigen Brandenburg-Klinik wohnten einst, hochgesichert und mit allen notwendigen Versorgungseinrichtungen ausgestattet, die Mitglieder des SED-Politbüros mit ihren Familien.Nur wenig erinnert auf dem Gelände heute noch an die Prominentensiedlung und an die im Außenring angrenzenden Wohn- und Dienstbereiche des Wachpersonals, der Handwerker und Bediensteten.Die Internatsschüler sind in dem Haus untergebracht, in dem einst die Familie von Politbüro-Mitglied Günter Mittag wohnte.Doch das sagt den jungen Leuten wenig, die mit ihren bunten Trainingsanzügen und den Tennistaschen über der Schulter nun zum neuen Bild der Siedlung gehören.

Noch ist das Gelände rings um die neue Tennishalle eine Baustelle.Eine wie mit dem Lineal exakt in den märkischen Sand gesenkte Baugrube läßt schon die Dimension des künftigen Centre Court mit seinen 700 bis 1000 Zuschauerplätzen erahnen.Dazu werden sechs Sandplätze und ein Kunstrasenplatz kommen.Im dritten Bauabschnitt wird ein Clubhotel mit rund 60 Betten und Physiotherapie, Schwimmbad und Sauna entstehen - insgesamt eine Investition von 18,5 Millionen Mark.

Für alle, die an den vielfältigen sportlichen Angeboten interessiert sind oder ihre Sprößlinge in die Fittiche von Günther Bosch geben wollen, veranstaltet die Tennis-Akademie am Sonntag von 11 bis 17 Uhr einen "Schnuppertag".In mehreren Matches wetteifern dabei der Nachwuchs der Leistungsstützpunkte Berlin-Brandenburg und die zehn Internatsschüler miteinander.Rollstuhlfahrer tragen einen Schaukampf aus.Jeder Besucher kann an diesem Tag die Angebote kostenlos nutzen, einschließlich des gerade fertiggestellten Fitness-Bereiches.

Executive Director Gert Rinow betont, daß die Einladung dazu dienen soll, Berührungsängste abzubauen.Jeder könne sich hier sportlich betätigen.Vom Herbst an wird auch die Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag in dieser Halle die Tennisbälle fliegen lassen.

Die Günther Bosch Tennis-Akademie liegt an der Kurallee auf dem Gelände der Waldsiedlung Bernau.Von Berlin aus ist sie zu erreichen über die A 11 Richtung Prenzlau.Von der Abfahrt Wandlitz sind es noch rund 1,5 Kilometer auf der B 273 in Richtung Wandlitz.

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