Der Tagesspiegel : Der neue Zeuge wurde gleich ausgekontert

Nach seiner Aussage im Potzlow-Prozess droht Enrico H. nun sogar ein Verfahren wegen Meineids

Frank Jansen

Neuruppin. Der Zeuge wurde mit Spannung erwartet, immerhin hatte Enrico H. die für gestern geplante Verkündung des Urteils im Potzlow-Prozess verhindert. Doch dann gab der 26-Jährige nur diffuse Angaben und Widersprüche von sich. Er habe im Sommer 2000 am Lübbesee bei Templin vermutlich vom Angeklagten Marco S. eine Morddrohung gegen den im Juli 2003 in Potzlow getöteten Marinus Schöberl gehört, sagte H. dem Landgericht Neuruppin. Und: Er sei damals nur zehn Meter von dem Angeklagten entfernt gewesen. Doch dessen Verteidiger konterte den überraschend aufgetauchten Zeugen aus: Marco S. habe 1999 eine Haftstrafe angetreten, die bis Juli 2003 dauerte, und es sei kein einziger Hafturlaub bewilligt worden. Enrico H. ließ sich aber nicht beirren. So hat er nun wohl seinem Vorstrafenregister ein weiteres Delikt hinzugefügt. Denn der Anwalt von Marco S. bestand nach der einstündigen Befragung darauf, Enrico H. zu vereidigen. Dies geschah – und die Staatsanwaltschaft wird nun vermutlich ein Verfahren einleiten, wegen des Verdachts auf Meineid.

Enrico H. hatte sich, wie berichtet, erst vor einer Woche über seinen Anwalt beim Landgericht Neuruppin gemeldet. In dem seit fünf Monaten andauernden Prozess zum Mord an dem 16-jährigen Marinus Schöberl in der Nacht zum 13. Juli 2002 in Potzlow waren bereits alle Plädoyers gehalten, gestern sollte der Schlussakt stattfinden. Doch nach dem Anruf des Anwalts von Enrico H. sah sich die Strafkammer gezwungen, zur Beweisaufnahme zurückzukehren. Das Ergebnis ist jedoch nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, des Nebenklage-Anwalts und der Verteidiger der drei Angeklagten gleich Null – und damit eine ärgerliche Zeitverschwendung. Der aus einer Berliner Haftanstalt vorgeführte Enrico H. – er verbüßt eine Strafe wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruchs – wich auf die bohrenden Fragen immer mehr ins Ungefähre aus. Er sagte schließlich, Bekannte hätten ihm erzählt, dass die Person am Lübbesee, von der er die Morddrohung gegen Marinus Schöberl gehört habe, Marco S. gewesen sein soll. Wenig glaubwürdig klang auch die Behauptung von Enrico H., er habe irgendwann das spätere Mordopfer Marinus Schöberl an einem „Frittenstand“ in Templin kennen gelernt. Dabei soll Schöberl erzählt haben, er werde wegen einer Zeugenaussage gegen Marco S. von diesem unter Druck gesetzt. Doch der Anwalt von Marco S. konnte auch diese Angaben entkräften: Es gebe kein Verfahren gegen seinen Mandanten, in dem Marinus Schöberl als Zeuge aufgetreten ist.

Nach der Aussage von Enrico H. wiederholten die Staatsanwältin, der Nebenklageanwalt und die Verteidiger der drei Angeklagten Marco S., Marcel S., und Sebastian F. nochmal in Kurzform ihre Plädoyers. Das Urteil soll nun am kommenden Freitag verkündet werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben