Der Tagesspiegel : Der Notarzt kommt später

Wegen Medizinermangels wird der Bereitschaftsdienst umstrukturiert – das kann zu längeren Wartezeiten führen

Katja Füchsel

Von Katja Füchsel

Potsdam. Schuld ist der chronische Ärztemangel: Ab dem 1. Januar gilt für Brandenburgs Notärzte ein neues Einsatzmodell. Die Zahl der Notfalldienstbereiche schrumpft von 156 auf 74. Künftig muss jeder Mediziner also ein größeres Gebiet versorgen. Das hat Folgen auch für die Patienten: „In Einzelfällen kann es zu längeren Wartezeiten kommen“, sagt Ralf Herre, Sprecher der brandenburgischen Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Der Rettungsdienst, der bei lebensbedrohlichen Anzeichen gerufen wird, bleibt von der Regelung unberührt.

Die Notärzte sind für Patienten zuständig, die glauben, den Arztbesuch nicht bis zum nächsten Morgen aufschieben zu können und die örtliche Notarzt-Nummer (siehe Gelbe Seiten regional) wählen. Auf dem Land mussten die Mediziner wegen der geringen Ärztedichte bislang ein Mal pro Woche – teilweise auch öfter – nach der Sprechstunde noch Bereitschaftsdienst schieben. Die Kollegen in den Städten hatten den Dienst dagegen nur ein bis zwei Mal im Monat. „Durch das neue Modell hat ein Ausgleich stattgefunden“, sagt Herre. Es sieht vor, dass die Ärzte aus der Stadt auch umliegende Dörfer mitversorgen müssen. Jeder Arzt in Brandenburg soll dann alle drei bis vier Wochen Bereitschaftsdienst haben.

Etwa 40 Minuten müssen die Patienten gegenwärtig auf einen Notarzt warten. Herre glaubt nicht, dass sich der Schnitt mit dem neuen Modell drastisch ändern wird – aber zehn Minuten länger könne es in Einzelfällen schon dauern. Bei einem einjährigen Test des Modells in Belzig und Umgebung habe es jedoch kaum Klagen gegeben. Auch im Brandenburger Gesundheitsministerium wird das neue Modell begrüßt. „Das bringt einen Ausgleich der Belastung.“ Mit der Umstrukturierung beschreitet Brandenburg bundesweit Neuland. Und da auch andere Bundesländer vom Ärztemangel auf dem Land betroffen sind, könnte das Brandenburger Modell Schule machen.

Etwa zwei Drittel der Kreise in Brandenburg sind mit Medizinern unterversorgt. Viele Landärzte werden sich in den nächsten Jahre zur Ruhe setzen, so dass noch mit einem weiteren erheblichen Rückgang der Hausärzte zu rechnen ist – es sind keine jungen Nachfolger in Sicht. Die Zahl der Approbationen ging seit 1997 um 22 Prozent zurück, die der Facharztanerkennungen um 25 Prozent. Hinzu kommt, dass viele junge Mediziner aus Ostdeutschland nach Skandinavien oder in die alten Bundesländer abwandern. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung führt dies auf die geringere Bezahlung und schlechtere Arbeitsbedingungen zurück.

Schon jetzt praktizieren Ärzte aus Polen und Tschechien in Brandenburg. Sie verstärkt aus ihren Heimatländern abzuwerben, hält der KV-Sprecher allerdings für „keine gute Lösung“: Für einen ausländischen Hausarzt sei es äußerst schwierig, das notwendige Vertrauen der Patienten zu gewinnen. Langfristig werde das Problem außerdem nur verlagert. „Das führt zum Ärztemangel in Polen und Tschechien.“

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