Der Tagesspiegel : Der Rumms des China-Böllers

Auf einem abgesperrten Gelände südlich von Berlin betreibt die Bundesanstalt für Materialprüfung ihr Testgelände

Andreas Wilhelm

Horstwalde - Idyllisch geht es hier im Wald nicht zu, im Gegenteil: Regelmäßig donnert, kracht und raucht es. Aus mehr als 30 Metern Höhe werden Container fallen gelassen oder Feuerwerkskörper kartonweise in die Luft gejagt. Die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) hat hier bei Horstwalde, rund 50 Kilometer südlich von Berlin, auf zwölf Quadratkilometern abgesperrtem und bewachtem Gelände ihren Sprengplatz.

„Drei, zwo, eins“, zählt Alexander von Oertzen, einer von 140 Wissenschaftlern der BAM-Abteilung II (chemische Sicherheitstechnik). Dann geht in 50 Meter Entfernung eine großer Palettenstapel in Flammen auf. Dort liegen drei Kartons mit Feuerwerkskörpern, zehn Kilogramm Explosivstoff. Nicht mal eine Minute dauert es, dann schießt ein hausgroßer Flammenball in die Luft, begleitet von einem trockenen Knall. „Mit solchen Tests kontrollieren wir, wie schnell das Material explodiert oder wie schnell die Flammen von einem auf den anderen Körper überspringen“, erklärt von Oertzen, während hinter ihm noch vereinzelt Blitzknaller knattern. Bei anderen Versuchen werden Feuerwerksraketen auf ihre Flugeigenschaften getestet: Steigen sie hoch genug? Weichen Sie nicht zu weit von ihrer Bahn ab? „Klassifizierung von Gefahrengut“ nennt sich das. 80 Prozent der Pyrotechnik, schätzt von Oertzen, kommen aus China. „Wenn ein Produkt nur eine Sicherheitsbestimmung verfehlt, ist es bei der BAM durchgefallen und darf in Europa nicht in die Geschäfte gelangen.“

In einem weiteren Test wird die Explosivkraft von Düngemitteln getestet. Ammonium-Nitrat, ein herkömmlicher Stoff in der Landwirtschaft, aber auch zum Bombenbau zu gebrauchen, wird dazu in ein Stahlrohr gepresst und entzündet. Nach dem Knall ist der Metallzylinder aufgerissen wie Papier.

Mit dem Testgelände hat die BAM europaweit etwas Einzigartiges. Im Fallturm beispielsweise können 200 Tonnen schwere Gegenstände aus 36 Metern Höhe abgeworfen werden. Nirgendwo sonst auf dem Kontinent sei dies möglich, sagt BAM-Sprecherin Ulrike Rockland. 1995 wurde das bundeseigene Gelände der BAM, die ihre Zentrale in Berlin-Steglitz hat, übertragen. Vorher befand sich deren Freiversuchsgelände in Lehre bei Braunschweig.

Ärger mit Anwohnern habe es noch nicht gegeben, sagt Rockland. Dabei ist das Ausmaß des Sprengplatzes einmalig, auf denen früher die Sowjettruppen und die NVA geübt haben: Sprengladungen mit einer Kraft wie 150 Kilogramm TNT dürfen dort gezündet werden.

So sind die Tests an diesem Tag denn auch Kleinigkeiten im Vergleich zu den Detonationen, die die Wissenschaftler hier sonst auslösen. Auf dem riesigen kreisrunden Sprengplatz mit einem Durchmesser von 400 Metern, gehen noch ganz andere Sachen hoch. Über eine Explosion reden die Wissenschaftler heute noch gerne. Einen Kesselwaggon mit rund zehn Kubikmetern Flüssiggas haben die Bamesen, wie sich die BAM-Mitarbeiter selbst nennen, in die Mitte des Rondells gestellt und angezündet. Daneben stand ein „Castor“- Behälter für Atommüll, der auf seine Durchschlagsresistenz getestet werden sollte. „Von dem Kesselwaggon ist nichts übrig geblieben“, erinnert sich BAM-Sprecherin Rockland. Der Castor hingegen sei nur ein kleines Stück in der Erde eingesunken. „Da war nicht mal die Farbe ab.“

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