Der Tagesspiegel : Der Scherbenhaufen von Stegelitz

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Von Claus-Dieter Steyer

Stegelitz. Nach kurzer Zeit kapituliert der Chef der Agrargenossenschaft Stegelitz vor dem Ansturm der Medien. Wortlos dreht sich Klaus Drewelow um und verschwindet im grauen Bürogebäude. Er schließt die Tür von innen ab. Insgeheim hofft er wohl, dass sich die vielen Kamerateams, Fotografen und Reporter so schnell wie sie gekommen sind, auch wieder aus dem Staub machen. Doch so leicht lassen die sich nicht vertreiben. Der Verdacht, aus Stegelitz in der Uckermark könnte der mit dem Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen verseuchte Öko-Weizen stammen, wiegt schwer. Vor der Kamera will der Geschäftsführer des kleinen Betriebes nichts sagen.

Alle Gebäude der Agrarerzeuger- und Vertriebsgenossenschaft Stegelitz, wie der offizielle lautet, stammen noch aus längst vergangenen LPG-Zeiten. Die meisten werden nicht mehr gebraucht. Gerade noch sieben Beschäftigte zählt der Betrieb, dazu kommen acht ABM-Kräfte. Vor fünf Jahren standen noch 45 Namen auf den Gehaltsliste.

Seit 1996 verzichtet die kleine Genossenschaft nach eigenen Angaben auf jegliche chemische Mittel bei der Getreideproduktion. 1999 hat sie sich dem Öko-Landbau verschrieben. „Das geschah nicht etwa freiwillig“, sagt Geschäftsführer Drewelow. „Die Wessis haben doch vorher alles kaputtgemacht.“ Ein paar „windige Unternehmer“ hätten den Bauern 1996 nach der LPG-Auflösung ihr Eigentum abgeknöpft und den Himmel auf Erden versprochen. Das Gegenteil sei passiert. „Die waren nur scharf aufs Vieh, das sie irgendwohin geschafft haben“, ereifert sich Drewelow.

Als dann alles am Boden gelegen habe, sei die Idee mit der Öko-Landwirtschaft gekommen. „Wir hatten kein Geld für Düngemittel, Chemie und große Technik. Also haben wir unser Glück mit dem sauberen Weizen versucht“, sagt der Mann. Nun stehe das ganze Dorf vor einem Scherbenhaufen. In dem 400-Seelen-Örtchen gibt es keine Kneipe, keinen Laden, keine Schule mehr. Der Bäcker hält sich noch, montags ist allerdings geschlossen. Die landwirtschaftliche Anbaufläche hat sich seit der Wende halbiert. „Die jungen Leute ziehen weg und um uns kümmert sich niemand“, sagt ein älterer Mann, der auf einer Bank sitzt. 30 Jahre habe er in der LPG gearbeitet. Nitrofen? „Die machen doch so was nicht. Die kennen sich doch gar nicht aus“, sagt er und zeigt dabei in Richtung der Agrargenossenschaft. Sein Nachbar vermutet „Mauscheleien“ des Weizenaufkäufers. „Vielleicht hat er billiges Futter aus dem nahen Polen untergemischt.“ Dort sei Nitrofen schließlich nicht verboten.

Geschäftsführer Klaus Drewelow will sich an solchen Spekulationen nicht beteiligen. „Ich kann mir nicht erklären, wieso der Futtermittelhändler aus Neubrandenburg ausgerechnet unseren Betrieb zum Sündenbock macht. Der kann das doch gar nicht nachweisen.“ Er habe die vorjährige Ernte jedenfalls „treu und brav“ in ein Silo zum Trocknen in der Nähe von Prenzlau geschickt. Von dort muss es der Futtermittelhändler abgeholt und an seine Abnehmer in ganz Deutschland verteilt haben. Auch der Anwalt des Unternehmens, Peter Wollmann, meldet Zweifel an. „Es ist unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die Lieferung aus Stegelitz die ganze Zeit separat gelagert wurde“, sagte er. Eine Mischung mit anderen Lieferungen sei bestimmt möglich gewesen. Alle Kontrollen der Lieferbücher und der Getreide-Restmengen hätten keinen Hinweis auf eine Schuld des Betriebes in der Uckermark ergeben.

Am heutigen Dienstag werden in Stegelitz weitere amtliche Kontrolleure des Landesagrarministeriums erwartet. Bereits am Wochenende waren die ersten Landwirtschafts-Inspekteure in der Uckermark angekommen. Sie hatten zunächst nach der für die Ausbringung von Nitrofen notwendigen Hybridspritze gesucht. Und keine gefunden. Daraus schlussfolgerten sie, dass der Giftstoff nicht in Stegelitz auf die Felder gebracht wurde.

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