Der Tagesspiegel : Der Schlaf der Medusa

In den Depots der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten lagern tausende Teile des Stadtschlosses

Günter Schenke,Thorsten Metzner

Potsdam - Am Schlangenhaupt der Medusa wachsen Grashalme, die Zunge der Schrecken erregenden Göttin berührt fast den Boden. Über ihr schweift der Blick einer nackten Muse über die antike Versammlung. Ein Engel lässt rücklings liegend die kleinen Flügel hängen. Dieses olympische Bild bietet das Freilager des so genannten Schirrhofes der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zwischen Park Sanssouci und Lennéstraße.

Über 500 große Originalteile des Potsdamer Stadtschlosses bewahrt die Stiftung auf. Weitere 2000 Einzelteile befinden sich im Bereich Denkmalpflege der Stadtverwaltung. Stadtarchäologin Gundula Christl hat sie beim Abbruch der Wälle des Ernst-Thälmann-Stadions in akribischer Kleinarbeit herausgesiebt. „Die Aussicht, dass der Landtag auf dem Schlossstandort entsteht, hat die Aufmerksamkeit geschärft“, berichtet Saskia Hüneke, Kustodin der Skulpturensammlung der Stiftung. Erst kürzlich sei eine Puttenfigur vom Fortunaportal aus Privatbesitz zurückgebracht worden – ein Original von 1701.

Am Freitag will sich der Landtag für den Bau eines neuen Parlamentsgebäudes auf dem Alten Markt entscheiden. Dort stand das Stadtschloss der Hohenzollern, bis es auf Beschluss des SED-Politbüros 1959/60 gesprengt und abgerissen wurde. Nach dem Willen der Regierungsfraktionen von SPD und CDU soll der Neubau mit der früheren Schlossfassade versehen werden. Auch die PDS ist für den Neubau, lehnt aber die Schlossfassade ab. Die Kosten für das neue Gebäude schätzt das Finanzministerium auf bis zu 120 Millionen Euro.

Kustodin Saskia Hüneke öffnet die schwere Tür des Depots der Skulpturenwerkstatt, in der ein ganzes Bataillon ausgemusterter, gesicherter oder kopierter Bildwerke aufgereiht ist. In einem dunklen Verschlag glänzt es golden. „Ein Geländerfragment der Fahnentreppe“, sagt die Expertin. „Feuervergoldete Bronze“, fügt sie hinzu. Die Fahnentreppe befand sich am westlichen Seitenflügel des Schlosses. Engelstreppe hieß sie wegen der Putti, die das Geländer schmückten. Fahnentreppe, weil sie in eine Galerie führte, in der die Standarten der Garde standen. Friedrich II. ließ das Geländer besonders sorgfältig ausführen, fertigte sogar eigenhändig eine Skizze davon an.

„Es ist vor allem der Weitsicht von Ludwig Deiters zu verdanken, dass heute so viele Bauteile der Schlossfassade vorhanden sind“, sagt die Kustodin. Deiters leitete das Institut für Denkmalpflege, als das Schloss abgerissen wurde. Die Teile seien „klug ausgewählt“ worden, sagt Hüneke: „Von allem gibt es meist einen Rest, so dass eine Rekonstruktion möglich ist.“ Die Kunstwissenschaftlerin hofft wie viele, dass mit dem Bau des Landtags die erhaltenen Teile der Fassade an ihren alten Platz zurückkehren.

„Minervas Mythos“ hieß die Ausstellung, mit der die Stiftung Schlösser und Gärten und das Amt für Denkmalpflege im Jahr 2001 die öffentliche Aufmerksamkeit auf die erhaltenen Schloss-Kunstwerke lenkte. Anhand von Bildern konnte man dort sehen, wie die Denkmalpfleger und Kunstwissenschaftler den ursprünglichen Ort der Fragmente im Schloss-Ensemble zu rekonstruieren versuchen. Diese Versuche sind noch längst nicht abgeschlossen, sagt Hüneke. Es sei noch viel Forschungsarbeit erforderlich.

Wenn sich der Landtag am Freitag für den Neubau entscheidet, soll 2008 mit dem Bau begonnen werden. 2011 soll alles fertig sein. Zeitgleich mit der Errichtung des Landtages müssten die Forschungen beginnen, fordert die Kustodin. Um die praktische Umsetzung, die Kopie und die Neuanfertigung von hunderten von Skulpturen, Vasen und anderen Schmuckelementen ist ihr nicht bange: „Wir haben im Land Brandenburg und in den neuen Bundesländern genügend fachkundige Werkstätten, die in der Lage sind, die Fassade originalgetreu wieder herzustellen.“

Nach den Berechnungen des Finanzministeriums kostet die Wiederherstellung der Schlossfassade 14 Millionen Euro. Die will der Förderverein für den Aufbau des Potsdamer Schlosses um den Berliner Rechtsanwalt Michael Schöne über Sponsoren aufbringen. „Für die große Aufgabe zur Wiederherstellung der Schlossfassade werden sich Mäzene finden“, davon ist auch Saskia Hüneke überzeugt. Wie groß das Interesse ist, zeigte sich schon einmal im Jahr 1993. Damals wollte die Potsdamer Bürgerinitiative „Argus“ die Schlossteile im Schirrhof lagern. Berliner Kunsthändler spendierten das schwere Gerät, mit dem die großen Teile transportiert werden konnten.

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