Der Tagesspiegel : Der Terror erreicht Europa

Am 11. März sterben bei Anschlägen in Madrid 191 Menschen. Islamisten haben die Bomben gezündet

Frank Jansen

Sie fuhren ahnungslos in die City. Tausende Pendler waren wie an jedem Werktag am Morgen des 11. März in die Vorortzüge gestiegen, die sie ins Zentrum von Madrid bringen sollten. Dann geschah das Unfassbare. Um 7 Uhr 39 explodierten in einem Zug, der in den Bahnhof Atocha einrollte, drei Sprengsätze. Innerhalb von drei Minuten gingen in drei weiteren Zügen nochmal sieben Bomben hoch. Die spanische Hauptstadt erlebte, trotz der Gewöhnung an den jahrzehntelangen Terror der baskischen Untergrundorganisation Eta, ein kaum vorstellbares Inferno. 191 Menschen starben, 1800 erlitten Verletzungen. Der islamistische Terror hatte, auf den Tag zweieinhalb Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2001, Westeuropa erreicht.

Das gab die damalige spanische Regierung unter dem konservativen Premier José Maria Aznar allerdings nicht zu. Aznar machte die Eta für den Bombenterror verantwortlich. Kurz vor der Parlamentswahl am 14. März wollte er offenkundig die Eta-Gefahr hochstilisieren – als Bestätigung für den harten Kurs seiner Regierung gegen die baskischen Separatisten. Und aus Sorge, ein Attentat mit islamistischem Hintergrund werde die weit verbreitete Ablehnung der spanischen Beteiligung am Irakkrieg verstärken.

Die Regierung drängte die spanischen Medien zu einer Anti-Eta-Berichterstattung. Die Sicherheitsbehörden mussten, trotz ihrer Zweifel, gegenüber den hochgradig alarmierten Kollegen im Ausland die falsche Terrorversion vertreten. Als nach wenigen Tagen dann herauskam, dass Islamisten gebombt hatten, war die Empörung weit über Spanien hinaus gewaltig. „Wir ärgern uns grün und blau“, sagte ein hochrangiger deutscher Sicherheitsexperte. In Spanien protestierten unzählige Menschen gegen die Lügen der Regierung. Der Unmut hatte weitreichende Folgen.

Bei der Wahl wurden die vor den Anschlägen favorisierten Konservativen um Aznar von den Sozialisten überflügelt. Deren Chef José Luis Rodriguez Zapatero kündigte nach seinem Sieg den Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak an. Als neuer Ministerpräsident handelte der Sozialist rasch: Die 1300 spanischen Soldaten verließen noch im Mai den Irak.

Zahlreiche Sicherheitsexperten sahen den Umschwung in Spanien als fatales Signal. Der islamistische Terror hatte nicht nur dazu beigetragen, eine Regierung zu stürzen. Es war den Attentätern auch gelungen, ein bedeutendes westliches Land aus der Irakallianz der USA herauszubrechen. Der heilige Krieg gewann eine neue politische Dimension. Al Qaida und die mit der Organisation mutmaßlich verbündeten, meist aus Marokko stammenden Attentäter hatten ihr strategisches Ziel erreicht – sogar ohne sich selbst zu opfern. Die Bomben in den Vorortzügen steckten in Gepäckstücken. Die Internationale der „Gotteskrieger“ bewies in Madrid auch ihre Fähigkeit zu vielfältigen Methoden der Gewalt, kombiniert mit grenzenlosem Fanatismus. Mit den Worten „ihr liebt das Leben und wir lieben den Tod“ bekannte sich am 14. März ein „Militärsprecher der Al Qaida für Europa“ zu den Anschlägen. Ihre Liebe zum Tod demonstrierten die mutmaßlichen Attentäter dann Anfang April. Als die Polizei im Madrider Vorort Leganés fünf Verdächtige festnehmen wollte, sprengten die sich in die Luft.

Die Terrorserie in Spanien schockte Europa, die Reaktionen waren indes wenig konsequent. Ende März schufen die EU-Regierungschefs den Posten eines „Terrorbeauftragten“. Der Niederländer Gijs de Vries bekam den Zuschlag. Wirksame Kompetenzen erhielt er nicht.

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