Der Tagesspiegel : Der tiefe Fall eines Ehrgeizigen

Michael Mara / Thorsten Metzner

Wegen zweifacher versuchter Anstiftung zum Mord an seiner Ehefrau Ursula steht ab heute der ehemalige Bauminister Jochen Wolf (60) vor Gericht. Das Verfahren, in dem 14 Zeugen - darunter Ursula Wolf - gehört werden sollen, ist auf zehn Tage angesetzt. Bei einer Verurteilung drohen Wolf fünfzehn Jahre Haft.

Über Jochen Wolf, den die Bild-Zeitung einen "Killerminister" nennt, gibt es viele Geschichten. Eine aus jenem turbulenten Einheitsjahr 1990, als die politische Blitzkarriere des bis dahin unauffälligen Mannes begann, könnte der heutige Bundespräsident Johannes Rau beisteuern. Damals beriet er als nordrhein-westfälischer Regierungschef die noch unerfahrenen Brandenburger Sozialdemokraten bei der bevorstehenden Neugründung des Landes. Mit am Tisch: Jochen Wolf, der damals zum Führungskreis der Partei gehörte.

Als Regierungsbevollmächtigter für den Noch-DDR-Bezirk Potsdam leitete er im Auftrag von Volkskammer und de MaiziereRegierung den Aufbaustab für das neue Land. Machtbewusst und ehrgeizig, aber auch damals schon oft impulsiv, unberechenbar, rechthaberisch. Es sei "nicht ganz einfach" gewesen, erinnerte sich Rau später, Wolf zu überzeugen, "dass er für viele Ämter, aber nicht für das Amt des Spitzenkandidaten geeignet ist". Als das geschafft war, sei er nach Berlin ins Kirchen-Konsistorium gefahren - zu Manfred Stolpe.

Dass die Genossen den Kirchenmann Stolpe vorzogen, dass er sich 1990 mit dem Bauminister-Posten begnügen musste, hat Wolf nie verwunden. Vor Gericht steht ab heute ein Mann, der mit seinem steilen Aufstieg nach der Wende nicht fertig wurde - erst recht nicht mit dem tiefen Fall. Der ganz offensichtlich unter Verfolgungswahn leidet und selbst aus der Gefängniszelle heraus orakelte, dass sich "höchste Kreise" gegen ihn verschworen hätten. Gemeint ist vor allem Stolpe, den Wolf dafür verantwortlich macht, dass er am 5. August 1993 nach der so genannten Baufilz-Affäre seinen Minister-Sessel räumen musste.

Der schillernde Immobilienmakler Axel Hilpert, Antiquitäteneinkäufer des Koko-Imperiums von Schalck-Golodkowski, hatte ihm provisonsfrei zum Vorzugspreis ein Grundstück am See vermittelt, um des Ministers Gunst zu erlangen. Wolf, wegen Vorteilsnahme angeklagt, kam mit einer Geldstrafe von 8200 Mark davon. Der Prozess blieb für ihn das Komplott, die große Intrige, die sein Leben ruinierte: War Hilpert womöglich nur vorgeschickt? So sah, so sieht sich der Mann, der die Schuld an seinem Schicksal bei anderen sucht: verfolgt und gejagt, ein Opfer eben.

Jochen Wolf hat gestanden, einen Auftragsmörder - den Kleinkriminellen "Ralfi" - angeheuert zu haben, um seine verhasste Ehefrau Ursula töten zu lassen. 5000 Mark zahlte Wolf an, die restlichen 10 000 Mark sollten nach der Tat fällig werden. Was Wolf nicht wusste: Weil ihm der Mordauftrag zu "heiß" war, hatte "Ralfi" die Polizei informiert, am 27. Juli letzten Jahres lief Wolf bei einem Treffen mit "Ralfi" im Berliner Bahnhof Zoo in die Falle, klickten die Handschellen. Am meisten überrascht waren wohl die Ermittler und Staatsanwälte selbst, die das Ganze zunächst für eine Räuberpistole gehalten hatten.

Noch-Ehefrau Ursula, seit 1979 mit Wolf verheiratet, vermutet Geldgier und blinden Hass als Motiv. Wolfs Anwalt SvenOliver Milke ist überzeugt, der Ex-Minister habe Rache nehmen wollen, weil er Ursula für den Freitod seiner Geliebten Oksana verantwortlich machte. Oksana, die junge, schöne Russin, die sich im Dezember 1998 nach einem versuchten Attentat auf Wolfs Ehefrau Ursula erschoss, war für ihn "der einzige Lichtblick" nach dem unfreiwilligen Rücktritt. Mit ihr, war Wolf sicher, würde sich das Blatt in seinem Leben wieder wenden. Er wollte Oksana zum Star-Modell machen. Die Bilder, Oksana in Dessous, Wolf daneben, füllten die Boulevardblätter. Kennengelernt hatte der Ex-Minister die damals 22-jährige Übersetzerin 1995 bei einer Dienstreise für Brandenburgs Außenhandelsagentur Braha in die Ukraine, nachdem er sich vor dem Arbeitsgericht wieder in den Landesdienst eingeklagt hatte.

Weil er längst zur "Unperson" geworden war, schob man ihn auf diesen und jenen Posten im Wirtschaftsministerium ab. Vom stattlichen Salär von 10 000 Mark blieb wegen diverser Schulden und Pfändungen nur wenig. Und dann plötzlich diese Frau, die "wie ein Vulkan während eines Erdbebens" über ihn kam, wie er einmal sagte. Eine große Liebe, die ihn wieder in die Schlagzeilen brachte, für etwas Glamour sorgte.

Doch die Welt des Jochen Wolf war schon vor 1990, vor seinem politischen Aufstieg, kaputt: Da war die erste Frau, die er während ihrer Schwangerschaft misshandelte. Die zweite Frau, die an ihm verzweifelte, den Gashahn aufdrehte und starb. Die dritte, die nur acht Wochen nach der Hochzeit das Weite suchte. Die vierte schließlich war Ursula Wolf, die 17 Jahre blieb und im Rosenkrieg die Scheidung verweigerte. Aber ohne Scheidung keine neue Hochzeit und kein Dauervisum für Oksana. Schließlich Oksanas Selbstmord, nachdem seine Frau die Geliebte nach einem Überfall bei der Polizei anzeigte.

Aber Wolf wäre nicht Wolf, wenn er nicht auch jetzt hinter allem die große Verschwörung wittern würde. In der "Welt am Sonntag" erklärte Anwalt Milke, sein Mandant gehe ungeachtet der eingestandenen persönlichen Verantwortung davon aus, dass er auch Opfer einer Politintrige geworden sei: Wolf sei zum Mord verleitet worden, und jener Anstifter verfüge über Verbindungen in die Potsdamer Regierung. Auch andere stricken an Legenden: Der ZDF-Journalist Hariolf Reitmaier zum Beispiel wird in der "Welt am Sonntag" mit den Worten zitiert: "Jochen Wolf ist eine politische Zeitbombe, die entschärft worden wäre, wenn sein Selbstmordversuch im Gefängnis Brandenburg geglückt wäre." Wolf selbst hatte nach seinem Rücktritt angedeutet, dass er über Stolpe auspacken werde, was jedoch nie geschah.

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