Der Tagesspiegel : Der Traum vom billigen Fliegen

In Neuhardenberg ist jeder Vierte ohne Job. Ein neuer Flughafen käme da genau richtig, finden die Einwohner – und würden dafür auch den Lärm in Kauf nehmen

Sandra Dassler

Neuhardenberg. Friedhelm Jost fliegt nur noch selten. „Manchmal lassen sie mich in eine kleine Maschine“, sagt der 59-jährige ehemalige Pilot im Jagdfluggeschwader von Neuhardenberg. Damals hieß das Dorf am Rande des Oderbruchs noch Marxwalde und war auch Sitz der DDR-Regierungsstaffel. „Von hier aus sind alle geflogen“, erzählt Jost: „Ulbricht, Honecker, Krenz . . . Und Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, ist hier ausgebildet worden.“

Nach der Wende hatte die Bundeswehr den von der Wehrmacht angelegten Flugplatz bis 1993 genutzt. Danach flogen nur noch kleine Maschinen, aber Friedhelm Jost hat nie aufgegeben, an „seinen“ Flugplatz zu glauben. Deshalb arbeitet er auch bei Dieter Vornhagen mit, der die Immobilie erwarb und jetzt gemeinsam mit der irischen Fluggesellschaft Ryanair hier einen Billig-Airport etablieren will (der Tagesspiegel berichtete).

„Das wäre wunderbar“, meint Iris Pade. „In Neuhardenberg ist jeder Vierte ohne Job, und die Restauration des Schlosses hat zwar einiges an Kultur hierher gebracht, aber nur wenig Arbeitsplätze.“ Iris Pade betreibt die Gaststätte „Am Schlosspark“, in der es duftende, selbst gemachte Bouletten gibt. Und eine Kellnerin, die mit dem künftigen Billig-Airport ganz konkrete Hoffnungen verbindet. „Da könnte ich öfter zu meinem Mann oder zu meinen Kindern fliegen“, sagt sie. Ihr Mann arbeitet im Badischen und die beiden Söhne leben in Bergisch-Gladbach, wo sie Ausbildungsplatz und Arbeit haben. „Mein Mann kommt nur alle drei Wochen nach Hause“, erzählt die Mittvierzigerin, die früher für die LPG Marxwalde kochte, in der fast das ganze Dorf beschäftigt war.

Weil die Arbeitslosigkeit so hoch ist und sonstige Perspektiven nicht in Sicht sind, hört man in Neuhardenberg fast nur Zustimmung zum Billig-Airport. Nicht einmal der mögliche Fluglärm stört die Einwohner. „Den hatten wir früher schon“, sagen Renate und Günther Zuchhold, „wichtig wären die Arbeitsplätze.“ Das findet auch Marianne Wedding, die in einer Versicherungsagentur gleich neben dem Flugplatz arbeitet: „Da braucht man doch viel Personal – hoffentlich kommt das auch von hier.“ Das sei Ehrensache, beteuert Flugplatz-Betreiber Dieter Vornhagen: „Ich habe ausgerechnet, dass genau 430 Arbeitsplätze benötigt werden, um vor allem Fluggäste aus Osteuropa nach Berlin zu bringen.“ Ex-Jagdflieger Friedhelm Jost setzt hinzu, dass dies keinesfalls eine Konkurrenz für Schönefeld sei. Jost hat ein wenig Angst, dass ihm Berlin und Potsdam seinen großen Traum vermasseln – von der Wiederauferstehung des Flugplatzes und von der Rückkehr einstiger Kollegen. „Wir waren gute Kameraden“, sagt Jost und zeigt auf den Gedenkstein am Flugplatzeingang. Er erinnert an Neuhardenberger, die an Bord jener Bundeswehrmaschine ums Leben kamen, die 1997 vor der westafrikanischen Küste abstürzte. „Es liegen immer frische Blumen hier“, sagt Jost stolz, „wirklich immer.“

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