Der Tagesspiegel : Der verlorene Reifen

Ein Busfahrer wurde vom eigenen Hinterrad überholt. Nur durch Zufall gab es keine Verletzten

Sandra Dassler

Neupetershain. Die Umleitung kurz vor Senftenberg rettete dem Busfahrer vermutlich das Leben. Wegen der schmalen und kurvenreichen Strecke fuhr der 39-Jährige nur Tempo 30 – als er plötzlich von seinem eigenen Hinterrad überholt wurde. Kaum hatte das Gehirn des Fahrers den erschreckenden Vorgang registriert, da löste sich auch das zweite Rad des Zwillingsreifens hinten links. Und der Bus kippte auf die Fahrbahn.

Nur der geringen Geschwindigkeit und der Tatsache, dass – noch – keine Fahrgäste im Linienbus des Neupetershainer Reiseunternehmens saßen, ist es zu danken, dass der ungewöhnliche Unfall glimpflich abging. „Es ist nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Bus den Hinterreifen bei einer Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometer verloren und bereits Fahrgäste an Bord gehabt hätte“, sagte Peter Boenki, Sprecher der Senftenberger Polizei, die den Unfall vom Dienstagmorgen akribisch untersuchte.

Der Fuhrparkleiter des Unternehmens Spreewald-Reisedienst hatte ein Verschulden seiner Firma sofort weit von sich gewiesen. In der regionalen Presse wurde er sogar mit Äußerungen zitiert, wonach jemand von der Konkurrenz böswillig die zehn Radmuttern des Hinterreifens manipuliert haben müsse. Andere Busfirmen aus der Region finden das lächerlich. Ein Reiseunternehmer sagte dem Tagesspiegel: „So etwas hat es noch nie gegeben. Ich bin seit 40 Jahren in der Branche. Aber niemand nimmt aus Konkurrenzgründen den Tod von Menschen in Kauf.“

Auch bei der südbrandenburgischen Polizei ist kein Fall bekannt, in dem ein Reisebus böswillig manipuliert wurde. So überraschte es gestern Nachmittag niemanden, als die Senftenberger Kriminalisten das Ergebnis ihrer Untersuchungen vorlegten. Fazit: Es gibt keine Hinweise auf eine Manipulation. Man ermittle deshalb nur noch gegen Fahrer und Halter des Linienbusses wegen Verstoßes gegen die Sorgfaltspflicht.

Von solchen Vorwürfen will der Halter jedoch nichts wissen: Man habe den Bus erst im Oktober zum Reifenwechsel in der Werkstatt gehabt. Alle Fahrzeuge würden vorschriftsmäßig gewartet. Außerdem sei es nicht vorstellbar, dass sich plötzlich alle zehn Radmuttern auf einmal lösen würden. „Wir haben deshalb einen unabhängigen Gutachter von der Dekra mit der Untersuchung beauftragt“, sagte der Fuhrparkleiter des betroffenen Unternehmens, Dietmar Hilbig, dem Tagesspiegel. Bei der zuständigen Dekra-Vertretung in Cottbus wusste allerdings niemand von einem solchen Auftrag.

Experten schließen im Übrigen nicht aus, dass sich Reifenmuttern nach und nach lösen können. Dies sei unter anderem möglich, wenn Dreck und Schlamm zwischen Rad und Anschraubfläche gerieten. Deshalb solle jedes Fahrzeug spätestens 200 Kilometer nach einem Reifenwechsel überprüft werden. Bei Bussen übernehme außerdem normalerweise ein Reifen-Service die Kontrolle in regelmäßigen Abständen. Ob dies bei dem Neupetershainer Fahrzeug erfolgte, wird nun ermittelt. Der Bus sollte in Ruhland Fahrgäste abholen. Dass er auch im Schülerverkehr eingesetzt war, dementierte das Unternehmen.

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