Deutsch-polnisches Verhältnis : Neue Breitseite aus Warschau

Nach dem Gezerre am Rande des EU-Gipfel hagelt es neue Vorwürfe aus Warschau. Premier Jaroslaw Kaczynski erklärte nun, die Bundesrepublik erinnere ihn an das Deutschland der 30er. Auch damals habe die große Mehrheit der Europäer zu den "negativen" Entwicklungen geschwiegen.

Jaroslaw Kaczynski
Vorliebe für Geschichtsvergleiche: Regierungschef Jaroslaw Kaczynski. -Foto: dpa

Warschau/HamburgDer polnische Regierungschef Jaroslaw Kaczynski hat einen neuen Verbalangriff gegen Deutschland gestartet. In einem Radiointerview zog Kaczynski indirekt einen Vergleich zwischen der heutigen Bundesrepublik und dem Deutschland der 30er Jahre: "In Deutschland passiert etwas sehr Negatives. Wie in einer längst vergangenen Epoche, als die große Mehrheit der Europäer nicht den Mut hatte, darüber zu sprechen - heute ist es das Gleiche", sagte Kaczynski. In seiner Eigenschaft als polnischer Regierungschef warne er die deutschen Behörden, derlei Dinge nicht zu dulden.

Kaczynski hatte vorige Woche beim EU-Gipfel mit Äußerungen zum Streit um die EU-Stimmgewichtung Empörung ausgelöst, als er die harte Haltung seiner Regierung mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs begründete. "Wir fordern derzeit nur, dass man uns zurückgibt, was uns genommen wurde. Wenn Polen nicht die Zeit von 1939 bis 1945 erlebt hätte, dann wäre es heute ein Land mit 66 Millionen Einwohnern", hatte der polnische Regierungschef vor einer Woche gesagt.

"Einige irritierende Argumentationen aus Polen"

Polens Blockadehaltung hätte den Gipfel beinahe scheitern lassen, doch wurde schließlich nach zähen Verhandlungen doch noch ein Kompromiss erzielt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte zuvor gesagt, es habe "einige irritierende Argumentationen aus Polen" gegeben, doch könne jetzt wieder an den Ausbau der deutsch-polnischen Beziehungen gegangen werden.

Deutsche Politiker kritisierten unterdessen ein Titelbild der polnischen Wochenzeitung "Wprost". Unter dem Titel "Die Stiefmutter Europas" hatte das Magazin eine Fotomontage von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Kaczynski-Zwillingen an der nackten Brust gezeigt. Autor des mit der Fotomontage illustrierten Artikels ist Mariusz Muszynski, der Warschauer Beauftragte für die deutsch-polnischen Beziehungen.

"Polen hat viele Freunde verloren"

"Polen hat in den letzten Wochen und Monaten viele Freunde verloren. Das Land sollte sich in Zukunft verstärkt Gedanken machen, wie es wieder Verbündete und Freunde gewinnt", sagte der Vorsitzende der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe, Markus Meckel (SPD), der "Bild".

"Die Polen sollten aufhören, sich mit Geschmacklosigkeiten zu überbieten. Irgendwann schlägt das auf die Stimmung in Deutschland durch, die momentan noch sehr hilfsbereit ist", sagte der CSU-Außenexperte Eduard Lintner. "Diese Montage ist eine Geschmacklosigkeit und kein Beitrag zur deutsch-polnischen Freundschaft", kritisierte der stellvertretende FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle. (mit dpa)