Deutsche Wirtschaft : Abhängig vom Export

Die deutsche Wirtschaft wird in absehbarer Zeit nicht wieder den Schwung der vergangenen Jahre erreichen. Sowohl die Bundesbank als auch das gewerkschaftsnahe IMK-Institut schauen vor allem mit Skepsis auf die Entwicklung der Exporte. Gewerkschaftsökonom Horn plädiert für eine stärkere Binnenmarktorientierung.

Alfons Frese
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Auseinander. Die Überschüsse von Deutschland, China und Japan müssen andere Länder finanzieren. Foto: dpadpa

BerlinBerlin - Die deutsche Wirtschaft wird in absehbarer Zeit nicht wieder den Schwung der vergangenen Jahre erreichen. Sowohl die Bundesbank als auch das gewerkschaftsnahe IMK-Institut schauen vor allem mit Skepsis auf die Entwicklung der Exporte. In ihrem jüngsten Bericht konstatiert die Bundesbank ein „beträchtliches Maß“ an Unsicherheit über die weltwirtschaftlichen Perspektiven. Zwar belebe sich die Konjunktur in Deutschland bereits „merklich“, aber „die Wende ist damit noch nicht gesichert“. Für einen robusten Aufschwung müsste vielmehr die Auslandsnachfrage anspringen. Das wiederum ist nach Einschätzung des IMK ziemlich unwahrscheinlich. In den nächsten Jahren werde die Weltwirtschaft nicht wieder so kräftig wachsen wie vor der Krise.

Für Institutsdirektor Gustav Horn ist die Wirtschaftskrise „auch eine Reaktion auf die enormen Spannungen in der Tektonik der internationalen Wirtschaftsbeziehungen“. Gemeint sind die riesigen Handelsungleichgewichte. Doch eine globalisierte Wirtschaft könne nicht funktionieren, wenn wenige Länder (Deutschland, China, Japan) enorme Exportüberschüsse erzielten, während andere (USA, Großbritannien, Spanien) riesige Leistungsbilanzdefizite, also gewissermaßen Importüberschüsse aufhäuften. Vor diesem Hintergrund entwickelt das IMK für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands drei Szenarien: „Weiter so“, „Agressive Exportstrategie“ und „Balanciertes Wachstum“.

Wie die Namen andeuten, präferiert Horn die dritte Variante, in deren Kern die Stärkung der Binnennachfrage durch höhere Löhne und mehr staatliche Investitionen stehen. Ferner sollten Finanzmarkttransaktionen besteuert werden, „um Anreize zu setzen, in die reale Wirtschaft zu investieren und nicht in Finanzprodukte“, regt das IMK an. Das „Weiter so“ stehe gar nicht zur Debatte, weil die USA, Großbritannien und Spanien gezwungen seien, ihre Defizite zu reduzieren. „Wenn die drei Länder ihre Importe so stark reduzieren würden, dass die Defizite auf ein Drittel des aktuellen Wertes sänken, würde das in Deutschland zu einem negativen Wachstumsimpuls von etwa zwei Prozentpunkten führen.“ Dieses Szenario durch eine „aggressive Exportstrategie“ auszuschließen, sei wiederum schlecht für den Binnenmarkt. Denn um an die alten Exporterfolge anzuknüpfen, müssten die Exporteure ihre Positionsvorteile auf den Weltmärkten ausbauen – auch durch geringere Arbeitskosten zu Hause. „Der Export kann so seine Funktion als Wachstumsmotor erfüllen, aber nur um den Preis einer weiter geschwächten Binnennachfrage, einer sinkenden Lohnquote und zunehmender Verteilungsungerechtigkeit“, schreibt das IMK. Ferner würden die neu entstehenden Exportüberschüsse die Weltwirtschaft erneut destabilisieren.

Die favorisierte Variante setzt dagegen auf eine Stärkung der Binnenwirtschaft vor allem durch höhere Löhne. Wenn in den vergangenen Jahren die Einkommen so stark gestiegen wären wie die Produktivität plus Inflationsrate, dann wären die Tarifabschlüsse jährlich um drei Prozent höher ausgefallen. Zwar wären in der Folge auch wegen der höheren Arbeitskosten und der geringeren Wettbewerbsfähigkeit auch die Exporte nicht mehr so hoch ausgefallen. „Wegen der verbesserten Kaufkraft hätten sich aber auch privater Konsum und inländische Nachfrage besser entwickelt. Die Beschäftigung wäre um rund ein Prozent höher gewesen“, schreibt das IMK.