Deutsches Team : Die Zeit ist reif für Arne-Friedrich-Spiele

In der K.-o.-Phase sind die Defensivqualitäten des Verteidigers von Hertha BSC wieder gefragt – wie schon bei der WM 2006.

Stefan Hermanns[Ascona]
EURO 2008 - Österreich - Deutschland
Ins Team geschwitzt. Verteidiger Arne Friedrich bleibt nach dem Spiel gegen Österreich in der Mannschaft.Foto: dpa

In unserer durchmedialisierten Gesellschaft verschwimmen die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt immer mehr. Die Fernsehrealität ist längst Teil unserer Wirklichkeit, Schauspieler kommen uns wie gute Bekannte vor. So ähnlich geht es auch Arne Friedrich. Vor dem EM-Viertelfinale gegen Portugal konnte der Verteidiger der deutschen Nationalmannschaft eine scheinbar beruhigende Feststellung treffen: „Ich kenne Cristiano Ronaldo. Ich habe sehr viel Champions League gesehen.“ Friedrich hätte auch sagen können: „Ich kenne Ronaldo von der Playstation.“ Aber macht das einen Unterschied? Bei Cristiano Ronaldo, dem ersten Playstation-Fußballer der Geschichte, lässt sich kaum noch unterscheiden, was zuerst da war: der reale Spieler mit seinen Tricks oder seine digitale Version fürs Videospiel?

„Gegen uns muss er erst mal treffen“, sagt Friedrich. Der Kapitän von Hertha BSC ist so etwas wie der Gegenentwurf zum derzeit besten Fußballer der Welt. Sein spektakulärster Trick geht so, dass er den Ball an seinem Gegner vorbei passt und ihm dann auf dem Passweg hinterher sprintet. Aber gerade mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten und der Beschränkung auf seine Stärken ist Friedrich für die Nationalmannschaft gegen Portugal und seinen Gegenspieler Cristiano Ronaldo von besonderer Bedeutung.
Der Berliner hat bisher eine seltsame EM bestritten: Vom Bundestrainer wurde er für seine Trainingsleistungen auffallend exzessiv gelobt – und trotzdem nicht mit Spielen bedacht. Friedrich galt Joachim Löw als Innenverteidiger, zu seinem ersten EM-Einsatz aber kam er auf der rechten Seite. Gegen Österreich vertraute Löw in der Abwehr derselben Besetzung wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann vor zwei Jahren bei der WM. Friedrich übernahm den Platz rechts in der Viererkette, Philipp Lahm rückte nach links, und in der Mitte versuchten Per Mertesacker und Christoph Metzelder, sich nicht gegenseitig verrückt zu machen. „Wir haben zu null gespielt, also haben wir hinten nicht viel falsch gemacht“, sagte Friedrich nach dem 1:0-Sieg.

Er wird wohl auch gegen Portugal wieder in der Startelf stehen, und anders als vor zwei Jahren empfindet das niemand als Verrat an der großen fußballerischen Idee. Überhaupt erlebt der Verteidiger derzeit eine ungewohnte Wertschätzung. Angeblich ist der VfB Stuttgart an einer Verpflichtung des 29-Jährigen interessiert, dessen Vertrag bei Hertha im kommenden Sommer ausläuft. Friedrich hat schon in der vergangenen Woche angedeutet, dass er sich nach der Saison einen Wechsel vorstellen könne. Hertha wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern.

Bei der WM haben sich viele noch über Friedrichs hölzernes Spiel mokiert, das so gar nicht zum Offensivguru Klinsmann zu passen schien. Gegen Costa Rica brauchte der Bundestrainer Friedrich in der Tat nicht für das vertikale Spiel, er brauchte seine defensive Entschlossenheit gegen Gegner wie Argentinien. Das WM-Viertelfinale war ein typisches Arne-Friedrich-Spiel, so wie jetzt bei der EM, da die Deutschen die Polens und Österreichs hinter sich gelassen hat, nur noch Arne-Friedrich-Spiele kommen. Die Portugiesen erwartet der Berliner „auf jeden Fall stärker als Österreich: Da müssen wir gegenhalten“.

Am Donnerstag wird sich die spannende Frage entscheiden, ob die Deutschen doch noch rechtzeitig eine defensive Stabilität hinbekommen. Mit Friedrich haben sich die Chancen zumindest etwas verbessert. Torhüter Jens Lehmann hat ihn schon einmal mit seinen Erkenntnissen über Cristiano Ronaldo aus der Premier League vertraut gemacht. Bei Arsenal habe die Verteidigung immer ein gutes Rezept gefunden. „Arne ist ein schneller Spieler, das ist schon mal wichtig“, sagt Lehmann. Aber alleine wird Friedrich Ronaldo nicht ausschalten. Alleine gewinnt man im Fußball nur an der Playstation.