Deutschland - Spanien 0:1 : Kein Wunder in Wien

Sie haben gekämpft, doch der Favorit war einfach stärker: Deutschland hat das EM-Finale von Wien 0:1 gegen Spanien verloren. Nach vier Jahrzehnten darf der ewige Geheimfavorit wieder einen Titel feiern. Der Erfolg ist verdient: Spanien hat bei dieser EM alle Spiele gewonnen und immer wieder begeisternden Fußball gezeigt. Michael Ballack spielte trotz Wadenblessur - und ist nun wieder einmal nur Zweiter.

Sven Goldmann[Wien]
Torres
Deutschland kommt zu spät. Torres zieht an Lahm vorbei, trickst Lehmann aus und schießt das 1:0.Foto: dpa

Erster Verlierer oder zweiter Sieger? Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft klang die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz nicht mit dem erhofften Erfolg aus. Im Endspiel gab es vor 52 000 Zuschauern im Ernst-Happel-Stadion eine 0:1 (0:1) Niederlage gegen Spanien. Fernando Torres vom FC Liverpool erzielte in der 33. Minute das Tor des Tages, als er Philipp Lahm im Strafraum überrannte und den zu spät gestarteten Torhüter Jens Lehmann mit einem eleganten Heber überlistete. Die Spanier kamen als ewige Verlierer und verlassen Wien nun als strahlende Sieger. Als würdiger Europameister, als einzige Mannschaft, die kein einziges Spiel verlor. Und als verdienter Sieger eines über weite Strecken einseitigen Endspiels.

Die Deutschen spielten längst nicht so willen- und seelenlos wie im Halbfinale gegen die Türken. Aber gegen eine so spielstarke und phantasievolle Mannschaft wie die Spanier hätte es schon ein bisschen mehr sein müssen als eine gute Anfangsphase und eine kurze Druckperiode Mitte der zweiten Halbzeit. Vor allem hätte es mehr Ordnung und Sicherheit in der Defensive bedurft. Doch Christoph Metzelder und Per Mertesacker, bei der WM 2002 noch mit für die deutsche Fußball-Renaissance verantwortlich, überboten sich gestern gegenseitig bei der Produktion von Fehlleistungen. Das hätte in einem EM-Finale noch viel dramatischere Folgen haben können.

Dabei hätte es sehr wohl einen Weg geben können, die technisch deutlich überlegenen Spanier in Verlegenheit zu bringen. Das zeigten die Deutschen zu Beginn des Spiels, mit taktischer Disziplin, variablem Mittelfeldspiel und Pressing weit hinter der Mittellinie. Wann immer die zunächst verhaltenen Spanier einen Angriff inszenieren wollten, standen zwei, drei Deutsche vor dem ballführenden Spieler. Und auch in der Offensive begannen sie bemerkenswert stringent,  mit schönen Angriffen, oft liefen sie über Ballack.

Im Viertelfinale hatten sie die favorisierten Portugiesen damit überrascht und aus dem Rhythmus gebracht. Was allerdings nur funktionierte, wenn der immense Lauf- und Kraftaufwand irgendwann mit einem Tor belohnt wird. Das klappte gestern nicht, obwohl es durchaus Chancen gab. Die erste vertändelte Miroslav Klose, als er in einen Pass von Sergio Ramos sprintete, mit diesem Geschenk aber nicht viel anzufangen wusste. Die nächste bereitete Klose vor, mit schönem Pass vom rechten Flügel auf Hitzlsperger, doch der Deutsche mit dem stärksten Schuss brachte nur ein Schüsschen zustande.

Ein frühes Tor hätte die Spanier vielleicht mehr als nur irritiert. So aber verpuffte der Überraschungseffekt, und das Spielglück wendete sich schnell. Die Spanier nahmen die Herausforderung an, mit Neugierde und Phantasie. Xavi Hernandez, der geniale Einfädler vom FC Barcelona, entwickelte den größten Eifer, das von den Deutschen gestellte Rätsel zu lösen.  Und er wusste schnell, wie es funktioniert. Mit kurzen, zentimetergenauen Pässen in den Rücken der schwerfälligen deutschen Innenverteidigung. Einer fand Andres Iniesta, der gab scharf nach Innen, Christoph Metzelder ging dazwischen, so unglücklich, dass er beinahe ein Eigentor produziert hätte. Jens Lehmann boxte den Ball aus der rechten Ecke, es war eine seiner besten Paraden während des Turniers.

Jetzt hatten die Spanier Spaß, und auf deutscher Seite häuften sich die Fehler. Per Mertesacker verlor den Ball an Torres und konnte diesen erst im letzten Augenblick abdrängen. Bei seiner nächsten Chance übersprang Torres den zwölf Zentimeter größeren Mertesacker und köpfte mit perfektem Timing aufs Tor, der Pfosten verhinderte die spanische Führung.

Immer deutlicher wurde die spanische Überlegenheit, und nach einer guten halb Stunde zeitigte sie das verdiente Führungstor. Torres erzielte es, ein Produkt seiner überragenden physischen und technischen Fähigkeiten. Wieder lief der Angriff über Xavi, aber Philipp Lahm schien die Situation schon unter Kontrolle zu haben. Doch irgendwie schob Torres seinen Körper noch an dem deutschen Verteidiger vorbei, und mit dem rechten Fuß lupfte er den Ball über den einen Tick zu spät herausstürzenden Lehmann in die linke Ecke. Es war das zweite EM-Tor des Stürmers vom FC Liverpool, der zuvor im Schatten des vierfachen Torschützen David Villa gestanden hatte. Villa fehlte im Finale wegen einer Oberschenkelverletzung, und allein in der Sturmspitze hatte Torres endlich den Raum, den er für sein Tor benötigt. Hätte David Silva zwei Minuten später nach dem 1:0 Iniestas Zuspiel richtig getroffen und nicht weit über das Tor gedroschen hätte, wäre das Finale wohl schon zur Pause entschieden gewesen.

Es spricht für die Deutschen, dass sie mit dem Rückstand und der spielerischen Überlegenheit ganz anders umgingen als im Halbfinale gegen die Türken. Nicht passiv, sondern aktiv. Sie suchten das Risiko, mit Leidenschaft und Tempo, zu beidem trug der für den verletzten Lahm eingewechselte Marcell Jansen maßgeblich bei. Über seine linke Seite liefen die Angriffe, die Deutschland zurück ins Spiel brachten. Ballack schoss nach Schweinsteigers Zuspiel knapp vorbei, dem eingewechselten Kuranyi sprang der Ball im Strafraum an die Hand, dann schoss Schweinsteiger Klose an. Ja, es gab in der zweiten Halbzeit so etwas wie eine deutsche Mini-Drangphase. Die Spanier aber hielten stand, nur der kleine Silva zeigte Nerven. Er leistete sich gegen Podolski die Andeutung eines Kopfstoßes, für die es auch schon mal die Rote Karte geben kann. Trainer Luis Aragones nahm Silva vorsichtshalber sofort vom Platz.  

In der Defensive waren die Spanier empfindlich, im Angriff aber auch immer gefährlich. Lehmann rettete grandios gegen Sergio Ramos, Frings klärte bei Iniestas Schuss auf der Linie, und Senna rutschte allein vor dem Tor knapp am Ball vorbei. Die Minuten verrannen, Bundestrainer Löw brachte Mario Gomez für Klose, aber es wollte nichts mehr gelingen.