Der Tagesspiegel : Deutschlands erste Wahl

Thorsten Metzner

Eine Wahl gleich am ersten Wochenende im neuen Jahr? Kein Irrtum, keine Panne. Wenn die rund 3200 Wahlberechtigten der märkischen Gemeinde Seddin an diesem Sonntag tatsächlich einen neuen hauptamtlichen Bürgermeister wählen, ist dies Deutschlands erste Wahl überhaupt im Bundestagswahljahr 2002.

"Es ist eine außerplanmäßige Wahl, die durch die Abwahl des Amtsinhabers beim Bürgerentscheid am 9. September 2001 notwendig geworden ist", erklärt Wahlleiter Volkmar Elstner. Es hätten die üblichen Frist-Regularien für die Neuwahl eingehalten werden müssen, "die wir nicht länger hinausschieben durften". Die Alternative, die Seddiner kurz vor Weihnachten an die Urnen zu rufen, wollte auch niemand.

Der Name des Seddiner Ex-Bürgermeisters, der vor allem wegen selbstherrlichen Führungsstils seinen Stuhl räumen musste und so ungewollt für die untypische Januar-Wahl sorgte, ist auch in Berlin bekannt: Es ist Manfred Bittner, früherer CDU-Wirtschaftsstadtrat von Hellersdorf, der in den letzten Jahren oft für Schlagzeilen sorgte. Im Zusammenhang mit der Korruptions-Affäre um den früheren CDU-Vizelandeschef und Bundestagsabgeordneten Diethard Schütze ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen Bittner, weil er Bestechungsgelder angenommen haben soll.

Abgesehen von der schillernden Vorgeschichte, geht in Seddin eine für Brandenburg typische Bürgermeisterwahl über die Bühne. Probleme vor Ort sind es, keine große Politik, die den Wahlkampf bestimmen. Wie weiter mit der Sanierung des Sees, mit dem Gewerbegebiet? Einer der vier Kandidaten, Benno Knospe, tritt für die örtlichen Sportvereine an. Parteien spielen eine untergeordnete Rolle. Kein klarer Favorit, Stichwahl wahrscheinlich. Gleichwohl verfolgt man in den Potsdamer Zentralen von PDS und CDU - die SPD hat keinen eigenen Bewerber im Ring - mit Blick auf die Landesstatistik auch das Seddiner Geschehen. PDS-Fraktionschef Lothar Bisky eilte als Wahlhelfer vor Ort, um den eigenen Kandidaten Olaf Hippauf (parteilos) zu unterstützen. Und CDU-Generalsekretär Thomas Lunacek ist optimistisch, dass der CDU-Kandidat Klaus-Peter Helmholdt das Rennen macht. "Er kennt sich in kommunalem Planungsrecht aus und hat gute Chancen." Es würde zumindest die bislang schlechte Bilanz der Union, bei den bisherigen Bürgermeisterwahlen im Land etwas aufbessern helfen, aus der die PDS als Sieger hervorging.

Deren reguläre Schlussrunde wird am 24. Februar stattfinden: Dann geht es nicht nur um Rathenow und Strausberg, wo sich die PDS gute Chancen ausrechnet, sondern vor allem um die heißumkämpften und symbolträchtigen großen Städte im Land. Verliert die CDU ihre Hochburg Cottbus? Muss die SPD Frankfurt (Oder) abgeben - und womöglich sogar Brandenburg an der Havel? Mit der angesehenen Unternehmerin Dietlind Tiemann hat die jahrelang zerstrittene CDU in der Havelstadt erstmals seit elf Jahren eine Chance. "Ein echter Favorit", frohlockt Lunacek, der für die Schlussrunde der Bürgermeisterwahl im Land keine Prognose wagt. "Abgerechnet wird zum Schluss."

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