Diabetes : Aggressive Diabetes-Behandlung erweist sich als gefährlich

Den Blutzuckerspiegel mit hohen Medikamentendosen anzugehen kann gefährlich sein.

Heidi Ledford

Einer großen klinischen Studie zufolge könnten Patienten mit Typ-2-Diabetes, die ein hohes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen tragen, ihr Leben durch aggressive Maßnahmen, den Blutzuckerspiegel zu senken, tatsächlich verkürzen. Die Ergebnisse wiedersprechen der etablierten Theorie, dass Diabetiker davon profitieren, ihren Blutzuckerspiegel mit allen Mitteln zu senken.

Die Studie, die Teil von ACCORD (Action to Control Cardovaskulär Risk in Diabetes) ist, machte Anfang des Jahres Schlagzeilen, als sie im Februar vorübergehend durch einen Untersuchungsausschuss gestoppt wurde. Die Ergebnisse wurden im New England Journal of Medicine (1) veröffentlicht.

Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Diabetiker nicht daran arbeiten sollten, ihren Blutzuckerspiegel unter Kontrolle zu halten, sagt der Kardiologe Harlan Krumholz von der Yale Medical School in New Haven, Connecticut, aber sie zeigen, dass extreme Maßnahmen, den Blutzuckerspiegel zu senken, nicht angezeigt sind.

Mehr als 10.000 Typ-2-Diabetiker, die entweder an einer kardiovaskulären Erkrankung litten oder das Risiko dafür hatten, wurden in die Studie eingeschlossen. Etwa die Hälfte nutzte Standardbehandlungen, um ihren Blutzuckerspiegel zu senken, und erreichte einen durchschnittlichen Glykohämoglobinwert von 7,5%, der als akzeptabel gilt, wenn auch höher liegt als bei Nichtdiabetikern.

Die andere Gruppe nahm höhere Dosen derselben Medikamente und senkte ihren Glykohämoglobinwert im Verlauf eines Jahres auf 6,4%. Sie behielten diesen Wert über drei Jahre hinweg bei.

Im Verlauf von dreieinhalb Jahren starben 257 Patienten dieser Hochdosisgruppe im Vergleich zu 203 Probanden der Gruppe mit der Standardmedikation.

Bestürzende Resultate

Die Ergebnisse schockierten Ärzte, da sie bislang darin bestärkt wurden, Blutzuckerspiegel mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln zu senken. "Die Ergebnisse sind bestürzend", sagt Krumholz, der nicht an der Studie beteiligt war. "Dies ist eine Behandlungsstrategie, zu der die Leute ermutigt worden waren."

Wissenschaftler haben noch nicht herausgefunden, ob der Fehler in der Methode zur Senkung des Blutzuckerspiegels liegt oder in den Blutzuckerspiegeln selbst. Die American Diabetes Association empfiehlt, den Glykohämoglobinwert auf unter 7% zu senken, Nichtdiabetiker haben Werte von 5,5-6%, so der Co-Autor der Studie, Robert Byington von der Wake Forest University in Winston-Salem, North Carolina.

Krumholz vermutet, dass die negativen Effekte die Konsequenzen höherer Medikamentendosen, um den Blutzuckerspiegel zu senken, sein könnten. "Mit komplexen Behandlungsregimen beginnt man, den potentiellen Nutzen mit zusätzlichen Risiken durch zusätzliche Medikamente aufzuwiegen", sagt er.

Unklare Ursache

Unter den von Diabetikern in der Studie verwendeten Medikamenten waren Insulin, Sulphonylurea und eine Klasse von Medikamenten, die als Thiazolidinedione bekannt sind. Zu dieser Klasse gehört Rosiglitazon, vertrieben durch GlaxoSmithKline als Avandia®, das in früheren Studien mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen in Verbindung gebracht wurde. Eine klare Beziehung zwischen der Rosiglitazon-Dosis und der in der ACCORD-Studie festgestellten erhöhten Sterblichkeitsrate gibt es nicht, sagt Byington. "Wir konnten kein spezifisches Agens und keine spezifische Behandlungsstrategie identifizieren, die die höhere Zahl der Todesfälle vermittelt", fügt er hinzu.

Mittlerweile hat eine zweite Studie (2) gezeigt, dass intensive Behandlungen, um den Blutzuckerspiegel zu senken, das Auftreten einer mit Diabetes assoziierten Nierenerkrankung reduzieren können. Der Nutzen ist jedoch relativ gering, merkt Krumholz an.

Die Ergebnisse von ACCORD könnten Ärzte darin bestärken, Veränderungen im Lebenswandel als weitere Optionen neben medikamentöser Behandlung zu empfehlen - zum Beispiel Gewichtsreduzierung und Bewegung, meint Krumholz.

(1) The Action to Control Cardiovascular Risk in Diabetes Study Group N. Engl. J. Med. 358, 2545-2559 (2008).
(2) The ADVANCE Collaborative Group N. Engl. J. Med. 358, 2560-2572 (2008).

Dieser Artikel wurde erstmals am 6.6.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.879. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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