Der Tagesspiegel : Dicke Luft wegen Müllverbrennung

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Von Stefan Jacobs

Hennigsdorf. Nach etwas über zwei Stunden können sie nicht mehr sitzen. Die etwa 500 Menschen im Klubhaus von Hennigsdorf packen ihre Trillerpfeifen ein, rollen die Anti-MVA-Transparente zusammen, ziehen ihre Anti-MVA-T-Shirts straff und verlassen den Saal. Zurück bleiben sechs angeschlagene Männer auf dem Podium, von denen vier gar nicht erst zu Wort gekommen waren. Und was die anderen beiden, Landrat Karl-Heinz Schröter (SPD) und Berndt Kriete, Geschäftsführer der Energiefirma Energos, zu sagen hatten, ersoff großenteils im Getöse der, nun ja, Zuhörer.

„MVA“ verbreitet Schrecken in Hennigsdorf. Denn MVA steht für die 38 Millionen Euro teure Müllverbrennungsanlage, die Energos hier errichten will. Und zwar mitten in der Stadt. Am vorigen Freitag hatte der Landkreis den Zuschlag zum Bau erteilt. Die Planungen liefen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weshalb die Anrainer nun aus allen Wolken fielen. Sie graut es nicht nur vor dem Stadtbild und den vor Risiken, sondern vor dem Transport von jährlich bis zu 80 000 Tonnen Müll durch Hennigsdorf ab 2005.

Warum soll in einem dünn besiedelten Land wie Brandenburg dieses Ding ausgerechnet in Hennigsdorf errichtet werden? Der Landrat lieferte zumindest einen Teil der Antwort. Es sei unter dem Strich am umweltverträglichsten, den Müll dort zu beseitigen, wo er anfällt. Außerdem habe die mit Kraft-Wärme-Kopplung arbeitende Anlage nur in der Nähe von Wärme-Abnehmern Sinn. Und schließlich „wollen wir, dass Bombardier an diesem Standort weiter Freude hat“. Eine brüllende Welle war über diesen Satz geschwappt, denn so deutlich hatten es die Hennigsdorfer und ihre Nachbarn aus Berlin-Heiligensee noch nicht gehört: Die Anlage soll auf einer Fläche des Schienenfahrzeug-Produzenten Bombardier errichtet werden, die das Unternehmen nicht mehr braucht und deshalb gern versilbern würde. Noch hat Bombardier Freude an Hennigsdorf - und umgekehrt: Das Gewerbegebiet liegt nicht wie anderswo in Trümmern. „Aber wenn Bombardier in drei Jahren den Pleitegeier hochzieht oder aus Deutschland verschwindet - die Hütte wird bleiben!“, rief ein Mann ins Saalmikrofon. Tatsächlich reichen die Verträge für die MVA zunächst bis 2020.

Da half auch nicht, dass den Bürgern die Vorzüge der Anlage gepriesen wurden: Was aus dem Schornstein kommt, erfülle die weltweit strengsten Abgasvorschriften und werde ständig zur behördlichen Überwachung gefunkt. So schwärmte sich Kriete bis zu der Bemerkung durch, dass die Luft über dem Schornstein sauberer sei als unten in der Stadt. Er erntete Hohngelächter dafür.

Mehrfach wurden Fragen nach der Standortentscheidung und dem Lkw-Verkehr gestellt, aber der Landrat holte jedes Mal so weit aus, dass die Geduld der Zuhörer früher am Ende war als seine Antworten. Nur als ihm Zwischenrufer „Kölner Verhältnisse“ vorwarfen, setzte er sich durch, verwahrte sich mit zornesrotem Gesicht gegen diese „bösartige, verleumderische Behauptung“.

Am Ende blieb beim Publikum die Erkenntnis, dass der Landrat sie sowohl über das Zustandekommen des geplanten Standortes als auch über jetzt noch mögliche Alternativen im Unklaren ließ. Die Energos-Leute erfuhren, dass ihnen zäher Widerstand bevorstehen dürfte. Und der Landrat? „Ich wusste genau, worauf ich mich einlasse. Aber ich bin mit absoluter innerer Ruhe hierher gekommen, weil ich das Projekt vertreten kann. Hier wird niemand veräppelt.“ Er rechne mit „maximal 50 Lkw am Tag“. Immerhin, eine Antwort. Nur hörte sie kaum jemand mehr.

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