Der Tagesspiegel : Die Axt im Walde

Über den Spaß, sich einen Weihnachtsbaum zu schlagen, schreibt Klaus Krause:

Von Kindern und Ehefrauen begleitet, mit Handschuhen und Gummistiefeln ausgestattet, stapfen Männer durch die Wälder, um einen Baum preisgünstig zu ergattern - koste es, was es wolle. Mit dem schönen Gefühl, gemeinsam mit der Familie etwas Naturverbundenes zu unternehmen, setzt man sich ins Auto und tritt die von Staus, endloser Parkplatzsuche und hohem Benzinverbrauch begleitete Reise an. Wer fragt da nach den Kosten?

Erste Realitätsbezüge erreichen die Familie bei Ankunft am Wald. Als Öffnungszeit war neun Uhr angegeben. Als man gegen 8.45 Uhr den letzten Parkplatz erwischt, fahren die ersten Konkurrenten mit ihrer Beute schon wieder heimwärts. Vorsichtshalber wird der Schritt beschleunigt. Auf dem Gelände der Schonung wälzen sich Menschenmassen durchs Gestrüpp. Ein Baum wird in der Ferne gesichtet, der die Ehre haben könnte, im eigenen Wohnzimmer zu landen. Laut brüllend informiert der Familienvater seine mittlerweile auf dem Gelände verteilten Anverwandten über diesen Umstand. Bedauerlicherweise brüllen alle anderen Familien gleichfalls herum, so dass niemand weiß, wer wen meint. Es folgen Streitereien mit anderen Baumsucher darum, wer das schönste Stücke zuerst erspäht hat, man gibt nach und wählt in einem irrationalen Reflex einen neuen absolut unscheinbaren Baum - Hauptsache, man hat endlich einen.

Auf dem Weg zum Wohnwagen mit dem Pappschild "Kasse" wird ein wundervoller Baum gesichtet. Was tun mit dem abgesägten? Lassen wir ihn einfach hier liegen, irgendjemand wird ihn schon mitnehmen. Schon etwas routinierter wird der zweite Baum gefällt, der dann auf einer Seite kahl ist, weshalb er auch dableiben muss. Mittlerweile ist es Mittagszeit, es ist rappelvoll im Wald, und Ehefrau und Kinder haben Hunger. Schon etwas hektisch wird ein dritter Baum ausgewählt und gefällt, der dem Schönheitsideal aber ebenfalls nicht entspricht. Er ist schief, hat eine doppelte Spitze und auf der einen Seite fehlt sogar ein ganzer Ast. Diese "etwas dünnere" Seite könne man ja dann im Wohnzimmer zur Wand drehen - das gehe schon, sagt der Vater, der um die Stimmung fürchtet.

Nun wird versucht, den Baum im, dann am und zuletzt auf dem Auto zu befestigen, womit man den Wagen total versaut. Den lassen wir reinigen. Harz geht zwar nicht besonders gut vom Lack und den Sitzen ab, aber das ist doch nur ein geringer Preis für einen unvergesslichen Tag.

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