Der Tagesspiegel : Die Botschaft aus der Mauer

Ein Arbeiter machte eine sensationelle Entdeckung: Eine 60 Jahre alte Flaschenpost von zwei Häftlingen des KZ Sachsenhausen

Claus-Dieter Steyer

Oranienburg. Der Fund gilt als Sensation in der Geschichte deutscher KZ-Gedenkstätten: Fast 60 Jahre nach dem Verfassen durch zwei Häftlinge ist eine geheime Botschaft in einer Flasche jetzt bei Bauarbeiten in der ehemaligen Waffenmeisterei des Konzentrationslagers Sachsenhausen gefunden worden. „Es ist eine unglaublich aufregende Entdeckung“, sagte der Direktor der Gedenkstätte, Günter Morsch. „Zumindest in den vergangenen zehn Jahren gab es nichts Vergleichbares.“ In Sachsenhausen wurde Ende der Fünfzigerjahre letztmalig eine Flaschenpost von einem Häftling gefunden. Ein russischer Gefangener hatte darin Gedichte festgehalten.

„Die Flasche hing recht eigenartig im Hohlraum einer Mauer an einem Draht“, erzählte der Maurer Jürgen Steffin aus Hennigsdorf. „Als ich die Ziegelwand mit dem Presslufthammer bearbeitete, fiel die Schnapsflasche zu Boden und zerbrach. Erst durch dieses Geräusch bin ich aufmerksam geworden. Die Flasche sollte wohl auf jeden Fall gefunden werden.“ Steffins Firma ist derzeit mit dem Umbau der Waffenmeisterei zu einem Besucherzentrum beschäftigt. Dabei musste eine Mauer beseitigt werden. Diese war 1944 von den beiden Verfassern der Botschaft gebaut worden, als Teile des Gebäudes für eine Schlachterei abgeteilt wurden. Der 1902 in Köln geborene Anton E. und der 18 Jahre jüngere Alexander Tadeusz Witkowski aus Polen hofften wohl, dass irgendwann ihre Mauer wieder beseitigt und dann ihr beidseitig beschriebener Zettel gefunden würde.

Anhand der Namen und der Häftlingsnummer konnte die Gedenkstättenleitung im Archiv schnell die Identität der beiden Männer klären. „Wir haben sofort mit der 88-jährigen Witwe von Anton E. Kontakt aufgenommen und ihr von dem Schreiben erzählt“, sagte Direktor Morsch. „Die Familie reagierte sehr ergriffen. Um sie zu schützen, wollen wir den Nachnamen nicht veröffentlichen.“ Anton E. war 1934 als Mitglied der KPD und des Rotfrontkämpfer-Bundes wegen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Von dort kam der gelernte Maurer 1937 als einer der ersten Häftlinge ins neue KZ Sachsenhausen, wo er bis zur Befreiung 1945 verblieb. Er trug die Nummer 175. Anfang der Achtziger verstarb Anton E. in Köln.

Die Spur von Witkowski verliert sich 1945. Der Gymnasialschüler wurde 1940 aus seinem Wohnort Rzeszow (Reichshof) in Galizien ins KZ Sachsenhausen deportiert, weil er nach der Schließung aller Schulen eine illegale Lerngruppe aufgebaut hatte. Er verrichtete im Lager Handlangerdienste und war an jenem 19. April 1944 wahrscheinlich dem Maurer Anton E. zugeteilt worden. Nach Recherchen in Polen wurde er 1945 auf dem Todesmarsch der Häftlinge bei Schwerin von der US-Army befreit. Er soll wenig später in die USA oder nach Kanada ausgewandert sein.

Der Zettel und die Bruchstücke der Flasche sollen in einer Vitrine im künftigen Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte ausgestellt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben