Der Tagesspiegel : Die Deiche drohen zu brechen

THORSTEN METZNER

Am Wochenende erreicht das Jahrhundert-Hochwasser OstbrandenburgVON THORSTEN METZNER POTSDAM.Die Oder schwillt an der deutsch-polnischen Grenze unaufhaltsam an.Die Flutwelle des Jahrhundert-Hochwassers, das in Polen und Tschechien 84 Todesopfer forderte, wird am Wochenende die Oderregion und die Stadt Frankfurt erreichen.Die märkischen Umweltbehörden erwarten, daß der bisher je gemesse Höchststand von 1930 übertroffen wird, der jedoch mit 6,35 Meter nur knapp unter der Oberkante der Deiche liegt.Diese müssen zudem dem ungeheuren Druck der Wassermassen rund acht Tage standhalten."Es besteht die Gefahr, daß die Deiche brechen", bestätigte Michael Muth am Mittwoch, der den von der Landesregierung eingesetzten 24-Stunden-Krisenstab leitet. Dies wäre das schlimmste Katastrophen-Szenario: Dann besteht die Gefahr, daß das nördlich von Frankfurt/Oder beginnende Oderbruch zu einem riesigen See bis zum Barnimer Hügelland überflutet wird.Dieser 640 Quadratkilometer große Landstrich, den Friedrich II.Mitte des 18.Jahrhunderts troêkenlegen ließ und damit, wie er einmal sagte, "im Frieden eine Provinz eroberte", liegt teilweise unter dem Oderniveau - wie eine große Schüssel.Zwar sind die in den 30er Jahren gebauten Deiche seit 1990 erhöht und gut betreut worden, aber möglicherweise innen porös, sagte Muth, der den nächsten Tagen "mit Bangen" entgegensieht."Meine größte Sorge ist: Werden die Deiche mehrere Tage halten, wenn sie sich vollgesogen haben?" "Die Deiche sind in gutem Zustand - aber ein Bruch muß mit allen Mitteln verhindert werden", betonte dagegen Umweltminister Matthias Platzeck, der sich gestern vor Ort über die auf Hochtouren laufenden Hochwasserschutz-Maßnahmen informierte.Die wichtigste Aufgabe wird dabei den 520 Deichläufern zukommen, die untereinander in Rufweite rund um die Uhr die insgesamt 160 Kilometer langen Deiche überwachen müssen, um auf jeden noch so kleinen Wasserdurchbruch sofort zu reagierenund den Bau von Gegendämmen zu veranlassen.Eine Million Sandsäcke liegt bereit. Im Notfall können kurzfristig rund 600 000 weitere Sandsäcke aus Mecklenburg und Niedersachsen angefordert werden.Als sicher gilt nach den jüngsten Prognosen, daß im märkischen Oderland die höchste Hochwasserwarnstufe IV - ab ein Meter unter der Deichkante - ausgerufen werden muß. Brandenburgs Behörden haben sich auf die "denkbar ungünstigste Variante" eingestellt, betonte Krisenstabschef Muth, der die betroffenen Anwohner dennoch vor Hysterie warnte.Es sei gewährleistet, daß keine Gefahr für Leib und Leben bestehe."Es gibt genügend Hilfskräfte und Material", sagte er.Als Puffer könnten auch noch zehn Polder (Überschwemmungswiesen) geflutet werden.Am Montag war bereits - auf polnischen Wunsch aus Sorge vor einer Überflutung Stettins - ein Polder bei Schwedt geöffnet worden.Bundesgrenzschutz und Bundeswehr werden sich an der Hochwasserbekämpfung mit Technik und Einsatzkräften beteiligen. Wenn es erforderlich sei, würden laut Muth auch die 37 000 Feuerwehrleute Brandenburgs mobil gemacht.Die märkischen Lehrer aus ihren Sommerferien an die Hochwasserfront zu schicken, wie von Bildungsstaatssekretär Gerd Harms angeboten, werde aber kaum nötig sein.Eindringlich appellierte Krisenstabschef Muth an die Bevölkerung, den "sich ausweitenden Katastrophentourismus" in das potentielle Hochwassergebiet einzustellen, da die Zufahrtsstraßen für Hilfskräfte blockiert sein könnten.Wenn nötig, so stellte Muth klar, werde sonst - bislang einmalig in der bundesdeutschen Geschichte - rigoros das gesamte Gebiet weiträumig abgesperrt.Die Stunde der Wahrheit aber, ob alle diese Vorbeugungsmaßnahmen ausreichen werden, rückt Stunde um Stunde mit den Wassermassen näher: Gestern erreichte die Flutwelle das polnische Klogau mit einem dortigen Pegel von etwa 7 Metern und ist nun noch 150 Kilometer - etwa drei Tage vom brandenburgischen Ratzdorf - dem ersten Ort auf der deutschen Oderseite - entfernt.Bis dahin müssen auch die Bewohner jener zwölf Einfamilienhäuser in der Unterstadt von Lebus, die - von keinem Deich geschützt - bald im Wasser stehen werden, ihre Koffer gepackt haben.Für Katastrophenschäden an Haus, Hab und Gut aber, und dies wäre gerade im strukturschwachen Oderland ein riesiges Problem, zahlen die Versicherungen keine müde Mark.Nach dem Hochwasser in der Prignitz im Jahr 1993 war die Potsdamer Landesregierung den Opfern mit 15 Millionen Mark beigesprungen.Muth: "Damals hatten wir noch Geld."

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