Der Tagesspiegel : Die Erinnerung soll bleiben

Neonazis machten Noel Martin zum Krüppel. Gestern stellte sein Sohn die Biografie vor

Annette Kögel

Potsdam - „,Wirst du mit der Querschnittslähmung fertig werden?’, fragt ihn Jacqui mehrfach. ,Wenn nicht, werde ich den Stecker ziehen.’“

Ein Dialog zwischen Noel Martin und seiner vor wenigen Jahren an Krebs verstorbenen Frau Jacqueline, er stammt aus dem Buch „Nenn es: mein Leben“. Bevor er sich das Leben nehmen wird, das hat der Mann aus Birmingham immer gesagt, habe er noch einen Meilenstein vor sich: „Bevor ich sterbe, will ich ein Buch schreiben.“ Am Montag wurde das im Verlag von Loeper erschienene Werk in der Potsdamer Staatskanzlei vorgestellt. Es gab viel Applaus, und viele Tränen. Martin will am 23. Juli, seinem 48. Geburtstag, unterstützt von Sterbehelfern in der Schweiz Suizid begehen. Zehn Jahre Probezeit hatte er sich für das Leben im Rollstuhl gegeben. Und vor einem Jahr entschieden, dass er nicht mehr will.

„Als Neonazis am 16. Juni 1996 einen Stein in sein Auto schleuderten und der Bauarbeiter aus Mahlow die Kontrolle am Steuer verlor, haben die Rechten ihm sein Leben genommen, auch wenn sie ihn nicht töteten“, sagte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Er hatte Martin vergangenen Herbst bei den „Brandenburg Days“ in London kennengelernt. „Ein beeindruckender, starker Mann, der mit seiner Art, nicht aufzugeben, ein Vorbild für viele Menschen geworden ist.“

Bildungsminister Holger Rupprecht sagte, er fühle sich geehrt, als erster aus dem Buch (19.90 Euro) lesen zu dürfen. Noels Vertraute in Deutschland, Robin Vandenberg Herrnfeld, hatte für die Aufzeichnungen ihre Arbeit reduziert, Jahresurlaub genommen. Sie zeichnete auf, was Martin, der seit „dem Unfall“, wie er sagt, querschnittsgelähmt und gefühllos ist, etwa von Jamaika erzählte.

Immer habe er als Kind Töpfe und Pfannen blitzblank scheuern müssen, die Kleidung war sauber, die Hosen hatten eine Bügelfalte. Aber in England, als Jugendlicher, musste er erleben, wie alle sagten, „Neger stinken und sind dreckig“. Dabei seien so viele Jamaikaner in britischen Krankenhäusern als Reinigungskräfte beschäftigt! Das ist der Stil, mit dem Noel versucht, die Rechten zu überzeugen, und diese Vision wird sein „Noel-und-Jacqueline-Martin-Fonds“ auch nach seinem Tode weiterverfolgen. Der Erlös des Buches fließt in die Stiftung. Sie finanziert Reisen, bei denen sich Jugendliche aus Birmingham und Brandenburg näher kommen – einige waren gestern dabei.

Im Buch werde ein Mensch lebendig, der nie weinerlich, sondern immer authentisch, nie anklagend oder verbittert sei, sagte Verleger Dankwart von Loeper. Integrationsfachleute klatschten, und auch Gewaltopfer Ermyas M., der im Publikum saß. Über einen Gast wird sich Martin, der selbst nicht kommen konnte, besonders gefreut haben. Sein Sohn Negus war da, an seinem 29. Geburtstag.

Noel Martin geht es schlecht, wie Videoeinspielungen zeigten, aber immer noch kann er lächeln und scherzen. Die schlimmste Strafe für die Täter – die längst schon wieder frei sind – werde es sein, wenn ihre Kinder mal einen farbigen Freund nach Hause brächten. „Ich danke allen, die sich die Zeit genommen haben, mit mir gegen Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen“, sagte Martin dann im Video. Inzwischen ist er nicht nur an den Rollstuhl, sondern auch ans Bett gefesselt.

Noel Martin wurde in Jamaika geboren, wuchs in Birmingham bei Patentante und Onkel auf. Dort lebt er heute im eigenen Haus. Seit der Attacke von Neonazis in Mahlow am 16. Juni 1996 muss der 47-Jährige rund um die Uhr von mehreren Pflegerinnen gleichzeitig versorgt werden. Am 23. Juli, seinem 48. Geburtstag, will sich der Witwer das Leben nehmen.

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