Der Tagesspiegel : Die Flüsse machen einen Rückzieher

Elbe, Oder, Spree: Überall liegen die Pegelstände weit unter dem Normalwert – trotz des vielen Regens in diesem Sommer

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - Brandenburgs Flüsse sind auf dem Rückzug – und das, obwohl es zuletzt andauernd geregnet hat: Aus der Oder ragen bis zur Flussmitte große Sandbänke heraus, die Pegel an der Elbe zeigen weniger als die Hälfte des normalen Wasserstandes an und die Spree kann nur durch Öffnung der sächsischen Talsperren am Laufen gehalten werden. Dabei hat es doch eigentlich genug geregnet, glaubt man jedenfalls.

Doch die Messstellen sind unbestechlich. Von Mai bis Mitte Juli erreichten die Niederschlagsmengen nach Auskunft des Brandenburger Landesumweltamtes nur 85 Prozent des Normalwertes. Auch das Winterhalbjahr fiel zu trocken aus. Zwischen Oktober und April wurden nur 90 Prozent des üblichenMaßes ermittelt. In einigen Regionen südöstlich und nördlich Berlins blieb es sogar noch trockener. Das im vergangenen trockenen Sommer eingetretene Niederschlagsdefizit ist also noch längst nicht ausgeglichen.

Zudem sinkt der Grundwasserstand weiter, was sich teilweise auch am Pegel der Flüsse ablesen lässt. Die Oder läuft bereits das dritte Jahr seit 2000 langsam leer. Nur 2002, als starker Regen Mitte August eine Katastrophe an der Elbe, Saale und Mulde auslöste, gab es zuvor am Grenzfluss normale Wasserstände. Gestern zeigte das Pegelhäuschen an der Stadtbrücke 1,24 Meter an, normal wären 1,82 Meter. Vor einem Jahr, als fast im gesamten Juni und Juli kein Regen gefallen war, waren nur 98 Zentimeter gemessen worden. „Entscheidend für die Oder ist allerdings das Quellgebiet im Riesen-, Isar- und Altvatergebirge“, sagt Professor Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes. „In dieser polnischtschechischen Grenzregion hat es zuletzt kaum Niederschlag gegeben.“

Tendenzen für einen großen Wetterumschlag sieht der Experte momentan nicht. „Es wird voraussichtlich kein Oderhochwasser wie 1997 geben, obwohl es auch damals lange Zeit im Quellgebiet trocken war“, sagt Freude. „Damals stellte sich eine so genannte 5-B-Wetterlage ein, bei der große Niederschlagsgebiete vom Mittelmeer zum Riesengebirge zogen.“ Die Oder stieg damals in Frankfurt auf die Rekordmarke von 6,57 Meter. Das habe an der stabilen Hochdrucklage gelegen. Davon sei Deutschland jetzt weit entfernt. „Ich fahre seit 1997 erstmals im August in den Urlaub“, erzählt der Fachmann. „Ich bin ganz sicher, dass Brandenburg von Hochwasser verschont bleibt.“ Bei den Katastrophen 1997 und 2002 leitete er den Krisenstab.

Auch die Elbe erhält eher zu wenig Wasser aus ihrem Quellgebiet. In Wittenberge zeigte der Pegel gestern 1,73 Meter, normal sind 3,50 Meter. Dagegen verliert die Spree auf ihrem 382 Kilometer langen Weg von ihren drei Quellen in der Oberlausitz bis zur Mündung in die Havel kostbares Nass. Das Flussbett sowohl unter- als auch oberhalb des Spreewaldes ist durch Menschenhand in den vergangenen 100 Jahren viel zu groß geworden. Erst sollte die Spree um 1900 für Lastkähne schiffbar gemacht werden, dann musste sie ab 1960 jährlich Millionen Kubikmeter Wasser aus den Braunkohlengruben aufnehmen. Schrittweise wird nun der alte Zustand wieder hergestellt.

Künftig werden Flusspegel eher sinken. Wetter-Experten sagen für die Jahre bis 2055 eine weltweite Erwärmung um rund 1,4 Grad Celsius voraus. „Für Brandenburg müssen wir mindestens noch ein halbes Grad dazurechnen“, sagt Manfred Stock, Vize-Chef des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. „Außerdem gehen die ohnehin niedrigen Niederschlagsmengen im Jahresdurchschnitt zwischen 25 und 150 Millimeter zurück. In Brandenburg nehme die Bewölkung generell ab – und die Sonnenscheindauer zu.

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