Der Tagesspiegel : Die goldenen Funken der Kolibris

273164_0_075afc4a.jpg
Koloniales Erbe. Kaum sonstwo in Brasilien ist die Architektur des 17. Jahrhunderts so gut erhalten wie in Paraty. Seit 1958 steht...

Ein stolzes Anwesen muss es gewesen sein. Damals, als die Fassade der Fazenda da Boa Vista noch strahlend weiß und die Fensterläden intakt waren. Heute wuchert Gras aus den Dachschindeln, die Türen sind verrammelt, von den Wänden blättert der Putz. Aber es ist immer noch ein schönes Fleckchen. Vor dem Haus öffnet sich eine goldgelbe Strandbucht zu kleinen vorgelagerten Inseln, dahinter zieht sich dichter tropischer Regenwald die Berge hinauf – kein Wunder, dass Julia Mann von ihrem „Paradies“ schwärmte. In Paraty, zweihundert Kilometer südwestlich von Rio de Janeiro, hatte die Mutter von Thomas ihre Kindheit verbracht.

Es waren glückliche Jahre, wie man ihrer autobiografischen Erzählung „Aus Dodos Kindheit“ entnehmen kann. Da lief die kleine Dodo, wie Julia da Silva Bruhns damals von ihrer schwarzen Kinderfrau genannt wurde, am Strand herum, sammelte Kokosnüsse und Bananen auf, spielte mit dunkelroten Granatäpfeln und labte sich am Saft der Limonen. „Ach, was gab es dort nicht an schönen und guten Dingen“, heißt es im Buch, und weiter: „Wie reizend war es im Garten, wenn die Kleine zwischen den reichfarbigen wie pontische Azaleen duftenden Blumen stand und an ihr vorüber, wie goldene Fünkchen, die ’Beija-Flor’ (Kolibri) schossen.“ Vom Urwald drang derweil das wilde Geschrei der Brüllaffen und Papageien herüber.

Es war gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, als Julias Vater, der Lübecker Landwirt Ludwig Hermann Bruhns, Maria Luiza da Silva, die Tochter eines wohlhabenden brasilianischen Großgrundbesitzers, heiratete. Man zog von einer Farm zur nächsten, währenddessen kamen mehrere Kinder zur Welt, darunter auch Julia. „Im Urwalde nahe dem Atlantischen Ozean südlich des Äquators war es, wo Dodo das Licht der Welt erblickte“, schreibt sie. Später kaufte die Familie die Fazenda da Boa Vista und wohnte dort, bis Julias Mutter im Kindbett starb. Daraufhin kam das Mädchen nach Lübeck, wo es statt Portugiesisch bald nur noch Deutsch mit hanseatischem Akzent parlierte.

Heute dämmert die Casa Mann verlassen vor sich hin. Rundum wiegen sich die Palmen im Wind, Segelboote schaukeln auf dem Wasser. „Das Haus hat schon mehrmals den Besitzer gewechselt, keiner weiß, was daraus werden soll“, bedauert Silvia Junghähnel, die Besucher hierherführt, den allmählichen Verfall des Gebäudes. Wenn es nach Frido Mann, Julias Urenkel, ginge, würde in ihm ein Museum oder ein Kulturzentrum entstehen. Ihm schwebte eine Dauerausstellung über Julia da Silva Bruhns und die Schriftstellerfamilie, über Exil und Weltbürgertum vor. Es wäre ein guter Ort, um an die brasilianischen Wurzeln Thomas Manns zu erinnern, der seine künstlerischen Neigungen auf die „Frohnatur“ seiner Mutter zurückführte und ihr in Werken wie „Tonio Kröger“ oder den „Buddenbrooks“ ein literarisches Denkmal setzte.

Doch bislang ist es Frido Mann nicht gelungen, Institutionen wie das Goetheinstitut von seinem Vorhaben zu überzeugen.

Auch von brasilianischer Seite scheint es nicht allzu viel Unterstützung zu geben. Dabei würde das Museum bestens in das Konzept des Kolonialstädtchens passen, das Besucher mit viel Kultur zu locken versucht. Da ist die Casa da Cultura mit einer intelligenten Ausstellung über Land und Leute. Oder das Teatro Espaço, ein ungewöhnliches Puppentheater, das es schon zu – sehr positiven – Kritiken in der „New York Times“ gebracht hat. Neben Musik- und Tanzfestivals findet in jedem Juli eines der bedeutendsten Literaturfestivals Brasiliens statt, zu dem namhafte Schriftsteller wie Paul Auster anreisen. Einige Galerien zeigen hier Avantgardekunst, während Werbeleute die hübsche Kulisse gern für Videoclips nutzen.

„Viele Künstler haben sich angesiedelt, weil die Bedingungen zum Leben und Arbeiten ideal einfach sind“, spricht Silvia Junghähnel aus Erfahrung. Auch sie ist erst vor einiger Zeit hierhergezogen. Eigentlich stammt die Brasilianerin mit deutschen Großeltern aus São Paulo. Aber nachdem sie 23 Jahre in Berlin gelebt hatte, wollte sie auf keinen Fall dorthin zurück. Dann hat sie sich bei einem Besuch in Paraty verliebt. „Mag sein, dass es kein Geheimtipp mehr ist“, räumt sie ein. „Aber die Mischung aus Natur, Kultur und Geschichte ist schon perfekt.“

Hinten zieht sich der tropische Regenwald an den Bergen der Costa Verde, der Grünen Küste, hinauf, vor der Bucht verteilen sich unzählige Inseln, dazwischen steht das denkmalgeschützte Bilderbuchstädtchen. Ende des 16. Jahrhunderts entstanden, hat sich hier, wie nur an wenigen Orten Brasiliens, die rechteckige Struktur der Kolonialzeit erhalten: schnurgerade, kopfsteingepflasterte Straßen, gesäumt von ein- oder zweistöckigen Häusern mit Ziergittern und bunten Fensterrahmen. In vielen von ihnen sind heute Läden mit Kunsthandwerk. Stilvolle Pensionen wie die „Pousada do Ouro“ bieten Logis, auch Mick Jagger und Tom Cruise sollen hier schon zu Gast gewesen sein.

Und dann sind da natürlich die Barockkirchen: Nossa Senhora das Dores, Nossa Senhora dos Remédios, Rosário … Beliebtestes Foto- und Postkartenmotiv ist die Igreja de Santa Rita, die mit ihrer weiß-goldenen Fassade gleich neben dem Hafen steht. An den Sakralbauten lässt sich ablesen, wie reich Paraty einst gewesen sein muss. „Den Wohlstand verdankte es seiner Lage“, erklärt Marilia van Boekel, die für Kultur und Tourismus zuständig ist. „Als der Bundesstaat Minas Gerais seinen Goldboom erlebte, wurde das Edelmetall von hier aus nach Portugal verschifft.“ Im 19. Jahrhundert erlebte der Ort eine zweite Blütezeit im Zeichen der Schnapsbrennerei. Schließlich gilt er als Geburtstätte der Cachaça, des brasilianischen „weißen Rums“.

Zwar wird der nun vor allem in Minas Gerais hergestellt. Aber einige traditionelle Destillerien produzieren noch sehr guten Zuckerrohrschnaps, der – ähnlich wie Wein – mit geschützten Herkunftsmarken ausgezeichnet wird. Eine der ältesten Brennereien steht wenige Kilometer von Paraty entfernt in den Bergen. Die Kupferkessel sind für Besucher auf Glanz poliert – und probieren dürfen sie auch.

Doch noch mehr als die gehaltvollen Destillate stimmt uns die Umgebung euphorisch: Ringsum breitet sich üppiger Urwald aus, aus dem es geheimnisvoll zwitschert, knistert und pfeift. Er soll der artenreichste Regenwald Brasiliens sein – mit mehr Pflanzen als im Amazonasgebiet. „Die Bäume sind hier nicht so hoch, so dass mehr Licht hereinfällt und sich viele Gewächse besser entwickeln können“, erklärt die Führerin. Überall plätschert Wasser, oder es stürzt gar aus dem dichten Grün. Vor allem am Tobogã-Wasserfall, der tatsächlich einer Rutsche – brasilianisch „Tobogã“ – gleicht und von einigen Mutigen auch als solche genutzt wird. In rasantem Tempo gleiten sie hinunter – und man hat jedes Mal Angst, dass sie unten nicht rechtzeitig bremsen können und auf einen der Felsen schlagen.

So abenteuerlich es im Regenwald ist, so beschaulich ist es auf der Ilha da Rosa. Die Roseninsel in der Bucht von Paraty ist so klein, dass nur ein Restaurant und ein paar Hütten auf ihr Platz haben. Die Gäste werden auf Wunsch mit einem inseleigenen Motorboot vom Hafen abgeholt. Zwanzig Minuten steuert der Kapitän das betagte Schiffchen durch die atlantische Wunderwelt, aus der lauter kleine Eilande auftauchen, dann wird zwischen Hängematten und schattigen Palmen aufgetragen, was die Frauen aus der kleinen Inselküche zaubern: gemischter Salat mit Erdbeeren, die obligatorischen schwarzen Bohnen, Reis, gebratener Maniok, dazu Krabbenragout, köstlicher Fisch und zum Dessert Frischkäse mit süßem Goiaba-Gelee. Ob sich das noch überbieten lässt? Höchstens von der „Banana da Terra“, einem Restaurant im Zentrum Paratys, in dem wir abends die neue experimentelle Küche der Gegend testen. Ob Fleisch, Robalo-Fisch oder Languste – immer ist Banane dabei, mal gebraten, mal gekocht oder in Form ihrer Blätter, in denen Garnelen gegart werden. Vielleicht stammt die eine oder andere Banane von den Plantagen, die einst Ludwig Hermann Bruhns gehörten. Jedenfalls meinen wir etwas vom Paradies der kleinen Dodo herauszuschmecken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben