Der Tagesspiegel : Die Kohl-Renaissance

Tausende kamen zum Altkanzler nach Potsdam Nun will die Union ihn öfter einladen

Thorsten Metzner

Potsdam - Die Union sollte nach Auffassung von Brandenburgs CDU-Landesvorsitzendem Jörg Schönbohm verstärkt auf Auftritte von Alt-Kanzler Helmut Kohl setzen. Es gebe eine „Kohl-Renaissance“ in der Bevölkerung, sagte Schönbohm gestern dem Tagesspiegel. Am Abend zuvor war der Neujahrsempfang der märkischen Union in Potsdam, bei dem der „Einheitskanzler“ auftrat, regelrecht überrannt worden. Der Nikolaisaal, mit 700 Plätzen größter Saal der Landeshauptstadt, reichte nicht. 1100 Besucher, die aus entfernten Landesteilen wie Prignitz, Lausitz und Uckermark anreisten, verfolgten Kohls Auftritt notgedrungen in einem Zelt.

Schönbohm führt den Zuspruch nicht nur auf Kohls Verdienste um die deutsche Einheit zurück. „Viele Menschen sind auf Orientierungssuche. Die Zeiten sind unsicherer geworden. Die Leute wollen sich vergewissern, was gilt und was nicht“, so der CDU-Vorsitzende. Auffallend sei, wie gut der Altkanzler bei der jungen Generation ankommt. Schönbohm: „Wenn Kohl an Hochschulen auftritt, egal ob in Ost oder West, sind die Hörsäle überfüllt.“

Die größte Überraschung für die Gäste: Der Altkanzler, der trotz eines gebrochenen Armes erschien, präsentierte sich nicht als selbstgerechter Staatsmann. Er ließ in einer teils launigen Rede auch selbstironische Töne anklingen, schon in seiner Begrüßung: „Wenn jemand so lange dabei ist wie ich, kommt ein Zeitpunkt jenseits von Gut und Böse: Dann können Sie sagen, was Sie wollen“, meinte Kohl – und umgarnte alle. Wenn er heute als „Oldtimer“ vor Studenten spreche, erlebe er eine „tolle Generation“, eine, die sich trotz Ängsten „etwas zutrauen“ will. „Was aus Deutschland wird, hängt entscheidend von ihr ab.“

Überhaupt, so seine wichtigste Botschaft, brauche Deutschland, dieses „tolle, großartige Land“, wieder mehr Selbstvertrauen. „All unsere Nachbarn trauen uns mehr zu als wir selbst es tun.“ Er forderte mehr „Wir-Gefühl“ in der Gesellschaft etwa zwischen den Generationen. „Ein Land, das in Interessengruppen zerfällt, wird keine Zukunft haben.“

Zwar habe die Union bei der Bundestagswahl „dramatisch verloren“, so Kohl, der sich eindeutig zur großen Koalition im Bund bekannte, und Kanzlerin Angela Merkel in den höchsten Tönen lobte. Merkel nehme ihre Aufgabe „hervorragend“ wahr. „Ich finde das auch deshalb gut, weil so viele überhebliche Männer jetzt von ihrer Arroganz zurücktreten müssen.“ Kein Wort, dass sie ihn einst stürzte, kein Wort zur Spenden-Affäre.

Für die Brandenburger CDU, die bei der Landtagswahl drittstärkste Kraft hinter SPD und PDS wurde und bei der Bundestagswahl das deutschlandweit schlechteste Ergebnis holte, war der Auftritt Balsam. Er wisse, dass es die CDU in Brandenburg schwer habe, dass manche in der Bundespartei „herablassend“ auf den Landesverband blicken würden, so Kohl. „Ich will Sie ermutigen weiterzumachen.“ Und es war Balsam für Jörg Schönbohm, dass Kohl seine Verdienste bei der Auflösung der NVA hervorhob, ihn als „Mann mit Mut, Charakter und Intelligenz“ würdigte, der gelegentlich „wie ich“ für Schlagzeilen nicht nur zur Freude eigener Mitglieder sorge – eine Anspielung auf die missglückte Proletarisierungserklärung für Gewaltkriminalität in Ostdeutschland.

Der Unmut, der wegen der Raumnöte anfangs geherrscht hatte, war nach Kohls Auftritt verflogen.

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