Der Tagesspiegel : Die längste Liste von Lebensrettern

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei entstand vor 20 Jahren aus einer Aktion zugunsten einer leukämiekranken Patientin Heute ist sie die größte Stammzellendatenbank weltweit. Jetzt gibt es auch in Berlin ein Informationsbüro

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Mechtild Harf war 42 Jahre alt, als sie im Griechenurlaub plötzlich von Halsschmerzen und Fieber geplagt wurde. Während ihre Familie auf einem Ausflug war, brach sie zusammen. In Deutschland erhielt sie die erschütternde Diagnose: Leukämie. Das war im August 1990. Mechthild Harf brauchte eine Stammzellentransplantation. Es gab damals aber noch keine bundesdeutsche Spenderdatei, und Recherchen im Ausland wären zu langwierig gewesen – das war die Geburtsstunde der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Freunde und Familienangehörige starteten Aktionen, um einen passenden Spender zu finden. Im April 1991 konnte die Transplantation stattfinden. Dennoch kam sie für Mechtild Harf zu spät. Sie starb im September an einer Lungenentzündung. Trotzdem war die Aktion nicht mehr aufzuhalten. Heute ist die DKMS mit 2 077 469 registrierten Spendern die größte Stammzellenspenderdatei weltweit.

Alle 45 Minuten erkrankt in Deutschland ein Mensch an Leukämie, darunter viele Kinder und Jugendliche. Die Transplantation ist oft ihre einzige Chance auf Heilung. Derzeit wartet noch jeder fünfte Patient vergeblich auf einen Spender. Und den braucht es in der Regel, denn die Wahrscheinlichkeit auf Übereinstimmung innerhalb der Familie liegt bei nur 30 Prozent – höchstens. Um Spender zu finden, konnte die DKMS anfangs Material und Informationen aus den USA übernehmen, wo es schon seit Beginn der 90er Jahre eine entsprechende Datei gibt. Erfolgreich war außerdem die Strategie, Einzelschicksale im Fernsehen zu zeigen und Geschichten von Freundschaften, die zwischen Spendern und Geretteten entstanden sind, zu erzählen. Am Anfang rechnete man damit, vielleicht einmal 150 000 Menschen zur Spende bewegen zu können. Innerhalb von drei Jahren war die Zahl überflügelt. Allein im vergangenen Jahr ließen sich 280 000 Spender registrieren. „Die Menschen sind eben doch gut“, meint Geschäftsführerin Claudia Rutt, die Schwägerin von Mechthild Harf, schlicht.

Seit kurzem gibt es neben der DKMS-Zentrale in Tübingen und den Büros in Köln und Westfalen auch eine Anlaufstelle in Berlin, die potenzielle Spender berät. Sie ist unter der Telefonnummer 83 22 79 70 erreichbar. „Unsere Schwerpunkte sind Spender- und Sponsorengewinnung sowie politische Lobbyarbeit“, sagt Büroleiterin Paulina Wilde. Außerdem gehe es darum, die türkische Gemeinde zur Spende zu mobilisieren und Kooperationsverträge mit Berliner Kliniken zu schließen, um das Nabelschnurblut nach den Geburten zu sammeln. Mit Aktionen in Berliner Betrieben, etwa bei Rolls-Royce, wirbt Paulina Wilde unter den Mitarbeitern für die Spende. Dort wird auch gleich eine Blutprobe entnommen.

Wer sich individuell registrieren lassen will, kann das inzwischen online unter www.dkms.de tun. Auf dem Postweg erhält man Wattestäbchen, mit denen man Wangenabstriche im Inneren des Mundes macht und diese zurückschickt. Die Kosten für die Registrierung sind von 600 DM auf 50 Euro gesunken. Mit dem Betrag kauft man sich ein Los für die Chance, das Leben eines anderen Menschen zu retten. Für Spendenwillige, die sich das nicht leisten können, besteht die Möglichkeit, dass Paten die Kosten übernehmen. Die Probe wird auf mindestens acht Gewebemerkmale analysiert. Die Ergebnisse können später in der Datei anonym abgerufen werden. Erst wenn sie nahezu hundertprozentig übereinstimmen, muss sich der Spender einem gründlichen Gesundheitscheck unterziehen.

Die eigentliche Entnahme der Stammzellen erfolgt in einer speziellen Entnahmeklinik, zum Beispiel in Dresden. Zu 80 Prozent ist inzwischen die sogenannte periphere Entnahme üblich. Der Spender erhält fünf Tage lang einen hormonähnlichen Stoff. Dieser bewirkt, dass die Stammzellen, die überwiegend im Knochenmark vorkommen, in die peripheren Bereiche, also ins fließende Blut geschwemmt werden. Dann werden an beiden Armen venöse Zugänge gelegt. Das Blut fließt von einem Arm durch einen Zellseparator und über einen zweiten Zugang in den Körper zurück. Der Patient muss nur drei bis vier Stunden im Krankenhaus bleiben.

Nur noch zu 20 Prozent werden die Stammzellen aus einem Knochenmark-Blut-Gemisch mit zwei Schnitten aus dem hinteren Beckenknochen entnommen. Dabei muss der Spender am Vorabend ins Krankenhaus und kann es spätestens einen Tag nach der Entnahme wieder verlassen. Dafür hat er vielleicht einem Menschen das Leben gerettet. Auch Lymphknotenkrebs und einige Autoimmunerkrankungen kann man mit den Spenden behandeln.

Die DKMS sucht weiterhin dringend Spender. Seit ihrer Gründung hat sie immerhin fast 20 000 Stammzellentransplantationen ermöglicht. Rund 80 Prozent der Patienten finden durch sie heute den passenden Spender. So haben die Freunde und Verwandten von Mechtild Harf deren trauriges Schicksal zum Guten gewendet, indem sie Leukämiekranken in der ganzen Welt eine realistische Chance auf Heilung gegeben haben.

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