Der Tagesspiegel : Die Lausitz wird närrisch

Simone Leinkauf

Viele Lausitzer Bürgermeister putzen in diesen Tagen Schlüssel. Am Sonntag wollen Närrinnen und Narren von 38 Karnevalsvereinen die Rathäuser stürmen und die fünfte Jahreszeit ausrufen. Traditionsgemäß muss dann das Stadtoberhaupt die Schlüssel als Zeichen seiner Abdankung an die Elferräte und Garden ausliefern. Manch Bürgermeister tut dies nicht einmal ungern, denn danach wird gefeiert: In Forst wird bereits ein riesiges Zelt vor dem Rathaus aufgebaut. In Calau wurde sogar die Bürgermeisterwahl um eine Woche verschoben, um das närrische Treiben richtig auskosten zu können.

"Die Helau-Rufe und Konfettikanonen werden in diesem Jahr so laut wie immer sein", sagt der Präsident des Karneval Verbandes Lausitz, Frank Czepok. Die Närrinnen und Narren ließen sich nicht von Terrorgefahren abschrecken. Auch für Absagen oder die Reduzierung von Programmen sehe er keinen Grund, sagt Czepok, der seit einem Dutzend Jahren die Seele des Lausitzer Karnevals ist. Karneval sei anerkanntes Brauchtum und müsse gepflegt werden. Das Motto des großen Umzuges am 10. Februar in Cottbus - das bereits vor vielen Wochen kreiert wurde - lautet "Es kommt wie es kommt".

In Cottbus gibt es eine über 120-jährige Tradition, die aber immer wieder aufs Neue gegen Karnevalsmuffel behauptet werden musste. Lange verlief in der Lausitz die Nordgrenze des närrischen Treibens, die sich erst in den vergangenen Jahren bis Berlin und Werder vorschob. Oft wurde die organisierte Narretei ein Opfer der Herrschenden. In den 50er Jahren war auf Druck der sozialistischen Obrigkeit für drei Jahrzehnte Schluss mit lustig. Doch Ende der 80er Jahre gründeten sich - noch in der DDR - erneut Karnevalsvereine. Inzwischen sind es allein in Cottbus und Umfeld mehr als ein Dutzend, die von November bis Februar mit ihren Programmen auch in den kleinsten Dörfern Frohsinn verbreiten.

Seit 1991 ziehen die Närrinnen und Narren jeweils am Sonntag vor Rosenmontag durch Cottbus. Zunächst waren es einige Dutzend Karnevalisten, die an den Zuschauern vorbei marschierten. Die Zahl der Schaulustigen und Teilnehmer wuchs ständig. Inzwischen kommen 4000 bis 5000 Akteure und über 100 000 Zuschauer, wenn der Karneval Verband Lausitz und seine Mitgliedsvereine zum Helau rufen.

Karneval in Cottbus bleibt eine sparsame Angelegenheit. Geld war stets knapp, musste durch Engagement und viele freiwillige Helfer ersetzt werden, in diesem Jahr mehr denn je. Millionenschwere Sponsoren sind nicht in Sicht. Dennoch sind die Jecken frohgemut. Inzwischen sind auch von Berufs wegen eher humorlose Cottbuser dabei - so feiern selbst die Juristen seit Jahren ihren Fasching.

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