Der Tagesspiegel : Die letzten Tage der Tagebaugruben

Nur noch bis Ende Oktober sind Wanderungen am Grunde der gewaltigen Krater möglich. Dann beginnt die Flutung

Claus-Dieter Steyer

Großräschen - Die Tage der begehbaren Mars-Landschaften in der Lausitz sind gezählt. Denn die riesigen Tagebaugruben verwandeln sich in eine große Seenkette von der doppelten Größe der Müritz. Zwar vergehen bis zur kompletten Flutung aller Löcher noch mindestens zehn Jahre, doch für Ausflügler verschwindet mit dem 30. Oktober eine einzigartige Attraktion. Bis dahin aber können sie noch auf dem Grunde des Tagebaus Meuro am Rand von Großräschen unter sachkundiger Führung spazieren gehen. Die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land veranstaltet Exkursionen unter so schönen Titeln wie „Sonne, Mond und Mars“ oder „Canyons, Steppe und Giganten aus Stahl“.

Anfang November werden die Pumpen abgestellt, das Grundwasser drängt nach oben und beginnt, die Grube zu füllen. Zusätzlich wird die Spree mittels kilometerlanger Rohre angezapft. Der mehr als 750 Hektar große Ilse-See entsteht. Die Zukunft zeige sich schon jetzt, sagt IBA- Sprecher Rainer Müller. So ragt in einiger Entfernung von der Tagebaukante ein großer Mast auf. „Hier werden Fahrgastschiffe anlegen“, prophezeit Müller. Im Jahre 2017 oder spätestens 2020 soll es so weit sein. Der heutige Grubenrand, auf dem sich die Ausstellungspavillons der IBA-Terrassen erheben, wird zur Uferpromenade. Von dort erstreckt sich auch bereits eine 63 Meter lange See-Brücke über das gigantische Loch.

1999 drehte sich im Tagebau Meuro die letzte Baggerschaufel. In den zwei Jahrzehnten zuvor waren hier Zehntausende Tonnen Kohle gefördert worden. Zurückgeblieben ist ein riesiges Loch von 80 Meter Tiefe. Regen und Frost verzauberten die durcheinander geworfenen Erdmassen zu tollen Landschaftsbildern, die manchmal tatsächlich an Canyons, an Mond- oder Marslandschaften erinnern.

Anfangs sahen viele Einheimische die touristische Vermarktung ihrer Heimat skeptisch. Schließlich hatten nicht wenige hier ihr Zuhause verloren. Im Tagebau Meuro versank ein Ortsteil von Großräschen, in dem einst 4500 Menschen lebten. Ohne die Wende wäre heute wohl die ganze Kleinstadt verschwunden. In der 150-jährigen Geschichte des Lausitzer Braunkohlentagebaus wurden rund 80 Dörfer und Ortsteile abgebaggert. Das vorerst letzte Dorf soll im nächsten Monat dran sein: In Horno harrt nur noch ein einziges Ehepaar aus. Die Bagger arbeiten in 150 Meter Entfernung und nähern sich dem Grundstück. Am 2. November soll vor Gericht über den wohl letzten Einspruch der Hornoer gegen ihre Enteignung entschieden werden. Die Ausstellung auf den IBA-Terrassen erinnert auch an dieses Kapitel.

An den Wochenenden starten Touren zwischen 10 und 17 Uhr von den IBA-Terrassen an der Seestraße in Großräschen – immer wenn sechs Personen zusammen sind. Preis pro Person: fünf Euro, ermäßigt drei. Jeden Freitag startet um 19 Uhr eine abendliche Exkursion „Sonne, Mond und Mars“ über anderthalb Stunden. Am 15. und 29. 10. finden die Wanderungen „Canyons, Steppe und Giganten aus Stahl“ jeweils um 11 und 14 Uhr statt. Am 22. 10. steht ab 11 Uhr eine Rad- und Floßtour auf dem Programm. Zum Abschluss findet am 30. 10. ab 11 Uhr eine Fotosafari im Tagebau statt. Um 12 Uhr steigt die letzte Exkursion. Nach Großräschen kommt man auf der Autobahn A 13 Richtung Dresden, Abfahrt Großräschen. Weitere Informationen unter Telefon 035753/3700 und im Internet unter www.iba-see.de

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