Der Tagesspiegel : Die nicht genutzte Gelegenheit

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Vielleicht ist die Vergesslichkeit das größte Hindernis für wirksamen Hochwasserschutz. Je länger die Katastrophe an der Elbe zurückliegt, desto schwieriger sind die Menschen von einschneidenden Schritten zu überzeugen. Brandenburg hat da schon Erfahrung: Auch nach der Oderflut vor fünf Jahren folgte ein Vorschlag auf den anderen, um die nächste „Jahrhundertflut“ schadlos zu überstehen. Deiche sollten weiter zurück ins Land verlegt, Flächen für Überschwemmungen reserviert und sogar zerstörte Siedlungen nicht wieder aufgebaut werden. Große Überzeugungsarbeit musste nach dem Kampf gegen die Fluten niemand leisten. Zu tief saß der Schreck über die die Zerstörungskraft des Wassers.

Wer heute nach den damals vorgeschlagenen Veränderungen fragt, wundert sich: Außer dem millionenschweren Deichbau an einigen Ortenist nicht viel passiert. Nicht einmal die offene und bei jedem erhöhten Pegelstand gefährliche Stelle am Zusammenfluss von Oder und Neiße wurde geschlossen. Grundstückseigentümer sträubten sich gegen einen Verkauf ihres Landes und verlangten immer höhere Preise. Dabei bestand nach der Oderflut im Juli 1997 uneingeschränkte Einigkeit darüber, die Lücke im Deich bei Ratzdorf so schnell wie möglich zu schließen.Selbst für eine Räumung der unmittelbar hinter dem Deich gelegenen Häuser in der Ziltendorfer Niederung oder im Oderbruch bestand damals Konsens. Das Risiko einer erneuten Beschädigung schien zu hoch. Der damalige Ministerpräsident Stolpe machte einige Zeit nach der Flut diesen Ideen ein Ende. Er sicherte den Bewohnern ein Leben in ihrer angestammten Heimat zu. Anderswo zählte das gleiche Argument allerdings nichts. Die ebenfalls ihre Heimat liebenden Einwohner von Horno etwa müssen mit Segen der Landesregierung ihr Dorf für die Braunkohlebagger aufgeben.

Vielleicht verblassen die Eindrücke der Elbe-Flut diesmal nicht so schnell. Das große Schlagwort, wonach den Flüssen mehr Raum zu geben sei, ist schnell dahin gesagt. Wird es aber konkret, stehen die Behörden vor Bergen von Problemen. Deichanwohner müssen Land verkaufen, Ersatzhäuser müssen gefunden, Landwirte entschädigt werden. Allein in der Elbtalaue bei Lenzen scheint ein erster Erfolg greifbar: Am berüchtigten „Bösen Ort“, wo die Elbe bislang im 90-Grad-Winkel auf den Deich trifft, wird der Damm einige Kilometer landeinwärts verlegt. Damit entstehen 400 Hektar potenzielle Überschwemmungsfläche, in die das Hochwasser ohne Schaden ablaufen kann.

Vor fast genau zehn Jahren hatte der Tagesspiegel erstmalig über diese Pläne im Biosphärenreservat Elbtalaue geschrieben. Seitdem war nicht viel passiert. Die mögliche Bedrohung durch ein dramatisches Elbe-Hochwasser erschien den meisten Bewohnern und Kommunalpolitikern als unwahrscheinlich. Jetzt besteht die Chance, endlich zu handeln. Noch sind die Bilder von der Flut gegenwärtig. Noch.

Claus-Dieter Steyer

zur Diskussion über den

Hochwasserschutz in Brandenburg

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