Der Tagesspiegel : Die Pioniere von Eberswalde

Arbeitsagentur praktiziert schon Hartz IV und vermittelt Jobsuchende auch in andere Regionen

Claus-Dieter Steyer

Eberswalde - Wer in der Arbeitsagentur Eberswalde um einen Job nachfragt, sollte sich vorher die Landkarte von Deutschland und Europa etwas genauer ansehen. Denn aus Mangel an nahen Arbeitsplätzen im Barnim oder der Uckermark erhalten die Menschen hier vorrangig eine „Mobilitätsberatung“: „Einen Koch kann ich in dieser Gegend nicht vermitteln, aber an der Ostsee, auf Kreuzfahrtschiffen oder in der Schweiz gibt es Bedarf“, erklärt Anne- Katrin Bohle, die Chefin der Arbeitsagentur – einer von zehn „Modellagenturen“ in Deutschland: So wie die Arbeitsvermittler in Eberswalde sollen sich nach Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze im Januar alle Agenturen um die Betreuung von Arbeitslosen und Arbeitgebern kümmern.

Die Mobilitätsberatung funktioniert nur, wenn sich Jobsuchender und Arbeitsvermittler auf ihr Gespräch gut vorbereiten. Deshalb erhält in Eberswalde jeder Arbeitslose beim ersten Besuch einen ausführlichen Fragebogen. Den schickt er dann zurück, damit sich der Betreuer individuell auf seinen „Kunden“ einstellen kann. „Zum ersten Mal verlangen wir eine Selbsteinschätzung des Bewerbers“, erklärt Agenturchefin Bohle. „Und können dann seine Stärken und Schwächen einschätzen.“ Dank der Vorbereitung reicht in 80 Prozent der Fälle ein einziges Gespräch, um alle Fragen zu klären.

Noch nicht Hartz IV entspricht hier nur der Betreuungsschlüssel: Ein Vermittler kümmert sich um 500 Jobsuchende. Erst im Januar sollen es 150 Erwachsene (oder 75 Jugendliche) sein – erst dann gibt es das Geld für zusätzliche Betreuer.

Die Ergebnisse können sich dennoch sehen lassen: Im Juni meldeten die Arbeitgeber der Region 400 mehr freie Stellen als im Juni 2003. „Sie haben jetzt mehr Vertrauen zu uns“, sagt Bohle. „Früher erhielten sie auf eine Stellenanzeige hunderte Bewerbungen, heute schicken wir ihnen höchstens sechs, die unsere Vermittler ganz konkret ausgesucht haben.“ Im Vorjahr blieb eine freie Stelle im Schnitt 40 Tage unbesetzt, heute sind es maximal 20 Tage. Und Bohle ist überzeugt: „Durch die zielgerichtete Vermittlung in andere Regionen – deren Jobangebot wir kennen – wird die Arbeitslosenzahl sinken.“

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