Der Tagesspiegel : Die Polen – als Kunden beliebt, als Konkurrenten gefürchtet

Olaf S,ermeyer

Frankfurt (Oder) - Die Gewinner der Erweiterung kaufen in der Parfümerie Gabriel in Frankfurt ein – bei der polnischsprachigen Verkäuferin. Teure Cremes für die Damen aus Osno Lubuskie, etwa 25 Kilometer nordöstlich von Frankfurt gelegen, wo Brüssel nun den Straßenbau bezahlt und wo sich andere Damen, aus dem Landkreis Oder-Spree, in der Schönheitsfarm Afrodyta polnische Gurken auf das Gesicht legen lassen. Im nächsten Jahr sollen nebenan die ersten Golfbälle durch die Luft fliegen.

Seit einem Jahr ist Polen Teil der Europäischen Union, und östlich der Oder herrscht Aufbruchsstimmung. Um knapp sechs Prozent wuchs die Wirtschaft; und viele der neuen Unionsbürger fahren weiter als bloß nach Frankfurt. „150 000 Fluggäste hatten wir 2004 aus Westpolen – mehr als doppelt so viele wie 2003“, sagt Eberhard Elie von den Berliner Flughäfen. „Vor allem Schönefeld mit seinen Billigfliegern ist für unsere Kunden interessant“, sagt Marita Brok aus dem Reisebüro Top in Gorzów, eine Dreiviertelstunde hinter der deutschen Grenze.

Anders als von manchen befürchtet, haben die reduzierten Grenzkontrollen nach dem Beitritt nicht zu einem Anstieg der Kriminalität in Brandenburg geführt. Polen kommen vielmehr als Kunden, zum Elektro-Discounter Makro-Markt in Frankfurt oder ins Spielzeuggeschäft Kuckuck im Stadtzentrum, wo schon jeder fünfte Kunde ein Pole ist. Umgekehrt war das Nachbarland 2004 das wichtigste Exportland für Brandenburger Firmen. Waren im Wert von 56,9 Milliarden wurden über die Oder verkauft, rund 20 Prozent mehr als 2003. Importiert wurde für 72,8 Milliarden Euro (plus 14 Prozent).

Aber nicht alle sind zufrieden. „Die meisten Unternehmen sehen die Preis- und Kostenunterschiede und den wachsenden Konkurrenzdruck negativ“, sagt Robert Radzimanowski von der Frankfurter Industrie- und Handelskammer. Besonders Handwerker fühlen sich als Verlierer, weil sie sich nun etwa mit den Preisen von Augustyn Stojanowski messen müssen, der als Fliesenleger die Freizügigkeit für Selbstständige nutzt. Er ist einer von 90 polnischen Handwerkern, die mittlerweile bei der Kammer in Frankfurt eingetragen sind. „Es ist nur normal, dass wir hier sind, wenn es die Nachfrage gibt“, sagt er, „und natürlich nehmen wir weniger Geld als deutsche Handwerker.“ Billiger sind auch die Brötchen von Andrzej Udziella, die in Kowalów gebacken und in sechs Brandenburger Backshops verkauft werden – für 10 Cent das Stück.

Zugleich gibt es deutsche Firmen auf der polnischen Seite der Oder, die vom niedrigen Lohn profitieren: Der Berliner Kebabhersteller Remzi Kaplan produziert in Szczecin, die Aldi-Lieferanten Wurst-Könicke kochen ihre Leberwurstgläser in Slubice ein, der Discountflorist Blume 2000 lässt seine Sträuße demnächst in Osno Lubuskie binden.

„Für solche Niederlassungen fehlt unseren Unternehmen das Kapital“, sagt der Handwerkskammerchef Jürgen Watzlaw, der findet, dass Polens Beitritt nur den „Großen“ nutzt. Reinhard Klein von der deutsch-polnischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft in Gorzów sieht das anders: „Der einzige Standortvorteil, den Firmen in Ostbrandenburg haben, ist die Nähe zu Polen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben