Der Tagesspiegel : Die Quittung

Zum ersten Mal seit Jahresbeginn gibt es wieder mehr Arbeitslose. Ist das der Beginn einer neuen Entwicklung?

Yasmin El-Sharif
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Der Aufschwung am Arbeitsmarkt geht anscheinend zu Ende. Zumindest könnten die Juli-Daten der Erwerbslosenstatistik darauf schließen lassen. 50 000 Menschen wurden im vergangenen Monat zusätzlich arbeitslos, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg gestern mitteilte. Damit stehen in Deutschland inzwischen 3,21 Millionen Menschen ohne Job da. Auch die Arbeitslosenquote legte dementsprechend zu – um 0,2 Punkte auf jetzt 7,7 Prozent. Nachdem die Zahlen in den vergangenen Monaten immer weiter gesunken waren, wollten Pessimisten die negativen Daten am Donnerstag gleich als Anfang vom Abschwung auf dem Arbeitsmarkt gewertet sehen. Doch vieles spricht dagegen.

Denn zunächst einmal geht die Zahl der Erwerbslosen im Juli regelmäßig nach oben. Der Grund: Schulabgänger melden sich zu Beginn der Ferien in großen Mengen arbeitslos. Auch Auszubildende, die mit der Lehre fertig werden und noch nicht sicher wissen, ob sie eine neue Stelle haben, melden sich bei ihrer Arbeitsagentur erwerbslos. Laut BA stieg die Zahl der joblosen Jugendlichen unter 25 Jahren im Juli dementsprechend um 59 000, während sie in anderen Altersgruppen sank. Ein ähnliches Szenario zeigt sich in Berlin und Brandenburg. Insgesamt stieg hier die Zahl der Arbeitslosen geringfügig um 2250 auf rund 450 000. Gleichzeitig meldeten sich mehr als doppelt so viele Jugendliche bei den Arbeitsagenturen arbeitslos (plus 5128). „Die Zunahme der Zahl der Arbeitslosen im Juli ist allein jahreszeitlich bedingt“, betonte denn auch Bundesagentur-Chef FrankJürgen Weise am Donnerstag.

Neben der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit hängt der Anstieg auch damit zusammen, dass viele Unternehmen vor der auftragsarmen Sommerpause Mitarbeiter entlassen haben. Neueinstellungen verschieben sie dann auf den Herbst, wenn die Produktion wieder richtig losgeht. Auch Arbeitsmarktexperten sehen das so. Ihnen zufolge ist der Anstieg der Arbeitslosenzahl in diesem Juli sogar sehr milde ausgefallen. „Normalerweise steigt die Arbeitslosenzahl im Juli durchschnittlich um 80 000“, sagte der Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit, Andreas Rees, dem Tagesspiegel. „Wir stehen mit 50 000 in diesem Jahr also gut da.“

Einen weiteren Hinweis auf die gute Verfassung des Jobmarktes liefert auch die saisonbereinigte Zahl der Arbeitslosen, bei der jahreszeitliche Effekte herausgerechnet werden. Nach dieser Berechnung schrumpfte die Zahl der Menschen ohne Job sogar um 20 000. Auch die Erwerbstätigenstatistik und der Umfang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung bestätigen das positive Bild. Im Juni gab es laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden mit etwas mehr als 40 Millionen Arbeitenden fast 90 000 mehr als im Monat davor. Die Zahl der sozialabgabenpflichtig Beschäftigten lag im Mai bei knapp 28 Millionen – ein Zuwachs von 580 000 gegenüber dem Vorjahr. Chefvolkswirt Rees zufolge geht es der deutschen Wirtschaft demnach weiterhin sehr gut: „Der Aufschwung ist noch kräftig.“

Auch BA-Chef Weise ist optimistisch. Er hält konsequent daran fest, dass im Herbst erstmals seit 16 Jahren die Marke von drei Millionen Arbeitslosen unterschritten werden kann. „Wir prognostizieren, dass wir in den Monaten September, Oktober, November zwischen 3,1 Millionen und 2,99 Millionen Arbeitslosen liegen“, sagte der Behördenleiter am Donnerstag. Weise verlässt sich bei seinen Prognosen auf eine goldene Regel der Konjunktur. Die besagt, dass der Arbeitsmarkt verzögert auf ein schwächeres Wirtschaftswachstum reagiert. So hält Weise es sogar für möglich, dass sich der Arbeitsmarkt 2009 noch besser entwickelt als im laufenden Jahr. Immerhin gebe es zurzeit noch rund eine Million offene Stellen, argumentiert der BA-Chef. Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) wird außerdem nicht müde, von Vollbeschäftigung in nicht allzu ferner Zukunft zu sprechen.

Doch es gibt auch ernst zu nehmende Warnsignale aus der Wirtschaft, die für einen langsamen Abschwung am Arbeitsmarkt sprechen könnten. So entwickelt sich die Industrieproduktion – sei es wegen der Finanzkrise, des hohen Ölpreises oder der weltweit drohenden Konjunkturflaute – seit Monaten sehr viel verhaltener als noch vor ein bis zwei Jahren. Und auch die Unternehmen verzeichnen nicht mehr derart volle Auftragsbücher, dass für viele Monate vorgesorgt ist. Ebenso ist auch der gesunkene Ifo-Geschäftsklimaindex nicht dazu angetan, das Vertrauen in den Arbeitsmarkt zu stärken. All dies könnte auf einen langsamen Abschwung auch am Arbeitsmarkt hinweisen. Experte Rees weist außerdem darauf hin, dass die Zahl der offenen Stellen zwar immer noch hoch ist, im Vergleich zu den vergangenen Monaten aber gesunken ist. Das deute schon jetzt auf eine leicht sinkende Kräftenachfrage in den Unternehmen hin. „Den Höhepunkt am Arbeitsmarkt haben wir schon vor einigen Monaten gesehen“, folgert Rees.

Und nicht zuletzt könnte die derzeitige Verfassung des Jobmarktes überschätzt werden. Denn der Arbeitsmarkt hat in der Vergangenheit auch von mehreren Sonderentwicklungen profitiert. So sind etwa im Verlauf der vergangenen zwölf Monate deutlich mehr Männer und Frauen in Rente gegangen als im Jahr davor und haben so den Jobmarkt um rund 100 000 Erwerbstätige entlastet.

BA-Chef Weise räumte am Donnerstag lediglich ein, dass die Dynamik beim Arbeitslosigkeitsabbau abgenommen habe. Ansonsten müsse man nun abwarten, wie die Unternehmen in den kommenden Monaten reagierten. Auch Rees ist vorsichtig, was die Zukunft anbelangt. „Bei den vielen Schwankungen in den vergangenen Monaten ist momentan vieles ungewiss.“ In einer Hinsicht sei er sich aber sicher: Deutliche Bremsspuren am Arbeitsmarkt werde es frühestens zur Jahreswende geben.

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