Der Tagesspiegel : Die Rohrdommel kehrt zurück

Zwei EU-Pilotprojekte gaben dem Vogel wieder Lebensraum. Wo er siedelt, ist die Natur intakt

Claus-Dieter Steyer

Joachimsthal/Lenzen. Sie pumpt ihren Hals mühevoll wie einen Dudelsack auf, um die Luft dann mit einem merkwürdigen langen Ton wieder auszustoßen. Dieser Klang, der an das Geräusch beim Blasen über einen Flaschenhals erinnert, hat der Rohrdommel den Beinamen „Moorochse“ eingebracht.

Der Vogel ist vom Aussterben bedroht – wo er aber lebt, ist die Natur intakt. Und in Brandenburg hat sie sich in den vergangenen drei Jahren immerhin in zwei Gegenden erheblich vermehrt. Mit erheblichen finanziellen Aufwand wurden im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und am Rambower Moor in der Westprignitz bei Lenzen frühere Eingriffe in die Landschaft wieder rückgängig gemacht. So verbesserte sich nicht nur der Lebensraum für die Vögel mit dem seltsamen Ruf. Die Erfahrungen, die bei diesen beiden Pilotprojekten gemacht wurden, sollen jetzt EU-weit genutzt werden.

„Rohrdommeln brauchen vor allem feuchte Wiesen, Moore und einen gesunden Schilfgürtel zum Verstecken“, sagte Umweltminister Wolfgang Birthler (SPD) gestern bei der Vorstellung der Projekte in Joachimsthal. „Doch leider wird es in Brandenburg immer trockener. Uns fehlte 2003 fast ein Drittel der durchschnittlichen Niederschlagsmenge. Wenn es doch einmal regnet, fließt das Wasser zu schnell ab.“ Bedrohlich sinkende Grundwasserstände seien die Folge.

Neben dem schrittweisen Ersatz der Kiefern-Monokultur durch Mischwälder setzt der Minister seine Hoffnung auf ein verändertes Wasserregime. Schon vor 250 Jahren ließ König Friedrich II. weite Gebiete trockenlegen, unter anderem das Oderbruch. Das Land brauchte Felder statt Sümpfe. Die DDR- Landwirtschaft setzte gar ein riesiges Meliorationsprogramm in Gang, das weite Gegenden mit zahlreichen Gräben entwässerte. Heute sind 80 Prozent der ursprünglichen Moore verschwunden, und die Bauern klagen über trockene Böden.

Die beiden Pilotvorhaben zeigen nun, dass es auch anders geht: Gräben wurden zugeschüttet, Stauwerke errichtet, die Einleitung von Schadstoffen beendet und wilde Stege mitten durchs Schilf abgebaut. Im 850 Hektar großen Rambower Moor bei Lenzen stieg der Wasserstand in drei Jahren durch 36 kleine Stauwehre in den angrenzenden Quellsümpfen und Erlenbruchwälder um 30 Zentimeter. In der Schorfheide wiederum wurde in den 70er Jahren noch die Trockenlegung des Mellnsees und der „Großen Wiese“ bei Altkünkendorf als großer Erfolg gefeiert. Heute füllen sich beide Flächen dank neuer Stauanlagen mit Wasser. „Es wächst wieder Schilf, das viele Tiere anzieht und unseren benachbarten Badesee wunderbar reinigt“, freute sich Altkünkendorfs Bürgermeister Günter Wiesner. Jeweils rund 1,5 Millionen Euro kosteten beide Wasser-Projekte. „Sie sind angesichts des Klima-Wandels ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang“, urteilte Minister Birthler. Die Zahl der Rohrdommeln stieg in der Schorfheide von acht auf 21 und am Rambower Moor von null auf vier.

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