Der Tagesspiegel : Die Sache stinkt

Claus-Dieter Steyer

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Für die Betreiber der SkandalDeponie von Bernau lief bis Ende der vergangenen Woche alles nach Plan. Sie öffneten im Frühjahr weit ihre Tore für Müllfahrzeuge aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland, um kräftig zu kassieren. Die genehmigte Abfallmenge von 45000 Tonnen wurde binnen kürzester Zeit um mehr als das Doppelte überschritten. Anwohner spürten die Folgen auf sehr unangenehme Art: Tausende Schaben machten sich auf den Weg vom Deponiegelände in die Häuser, in die Gärten, auf Terrassen und in Hundezwinger. Dazu kamen fürchterlicher Gestand und Fliegenschwärme. Die Proteste zwangen die Behörden zwar zu einer Einwohnerversammlung, aber dort begann nur das übliche Spiel: Stadt und Kreis schoben sich gegenseitig die Verantwortung zu und zeigten schließlich gemeinsam mit Fingern auf das Landesumweltamt. Das nämlich müsse hier kontrollieren, hieß es vom Bernauer Bürgermeister.

Während die geplagten Anwohner auf eigene Kosten Massen von Ungeziefer zu bekämpfen versuchten, blieb die Deponiefirma unbeeindruckt. Sie kümmerte sich nicht um die Sorgen, verweigerte der Öfentlichkeit jede Auskunft und war selbst für die Bürgerinitiative nicht zu sprechen. Stattdessen schickte die Firma ihre Anwälte in die Spur, um jede Aufforderung des Umweltamtes zur Verkleinerung der Müllberge zurückzuweisen.

Just einen Tag nach der Androhung eines Zwangsgeldes von 50000 Euro aber stand die Deponie in Flammen. Es fällt nicht leicht, da an Zufall zu glauben. Die Staatsanwaltschaft lässt die genaue Brandursache noch ermitteln. Bis dahin muss der Steuerzahler für die Kosten für den Einsatz der mehr als 300 Feuerwehrleute aufkommen – mehrere zehntausend Euro.

Der eigentliche Skandal begann jedoch nach dem Abzug der Feuerwehr. So als wäre nichts geschehen, öffnete die Deponie gleich wieder ihre Tore für Mülllaster. Wie viel Unverfrorenheit, Arroganz und Frechheit gehören dazu, derat ungeniert seine Geschäfte zu machen. Der Großbrand mit der beißenden Rauchwolke, die bis Berlin zog, war schließlich nicht zuletzt auf die überfüllte Deponie zurückzuführen. Durch die neuen Mülllieferungen erhielten nicht nur die Schaben weitere Nahrung, auch die durch das Feuer aufgescheuchten Ratten machten sich nun auf den Weg in die Stadt. Ob das vergiftete Löschwasser ins Grundwasser gelangen kann, ist bis heute ungeklärt. Doch niemand wagte den Aufschrei. Nicht der Bürgermeister, nicht der Landrat, keine Partei, kein Abgeordneter. Auch die örtliche Zeitung in Bernau verlor kaum kritische Worte über das Thema.

Umso mehr verdient das Brandenburger Umweltministerium Respekt dafür, dass es am Freitag die Notbremse zog und das Gelände abriegeln ließ. Es wollte sich nicht länger von einem selbstgefälligen Müllunternehmen auf der Nase herumtanzen lassen. Auch wenn der Schritt etwas spät kam, ist er doch ein Signal auch an die Anwohner, sich nicht einschüchtern oder mit Ignoranz abspeisen zu lassen. Einige von ihnen werden sich nun wohl Anwälte nehmen. Denn nicht nur auf der Deponie, sondern in ganz Bernau stinkt es mächtig – diesmal im übertragenen Sinn.

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