Der Tagesspiegel : Die Sandsack-Frage von Cumlosen

Gemeindemitglieder müssen einen Euro pro Sack zahlen. Ohne Sand

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Cumlosen. Wäre das ein Katastrophenfilm, Jürgen Röbke wäre der Held. Der, der die Katastrophe kommen sieht und den Abwiegelungen der offiziellen Stellen nicht glaubt. Jürgen Röbke und seine Familie haben gepackt. Sie verlassen Cumlosen. Zurück nach Perleberg, dahin, wo sie vor zwei Jahren herkamen an den Elbedeich. Der Deich, der meterweise abgetragen war, weil er saniert werden sollte. Stattdessen kam die Flut. Einmal hat Röbke im Radio gehört, wie von einem zehn Meter breiten Loch gesprochen wurde. Das viel größere Loch flussaufwärts wurde dabei nicht erwähnt, sagt er. Das habe ihn misstrauisch gemacht.

Der Umzugslaster steht auf dem Hof, dahinter ein Billardtisch, eine Matratze und ein rollbarer Kleiderständer. Vergangenen Dienstag schon haben die Röbkes beschlossen, wegzugehen. „Da haben noch alle gedacht, ich sei verrückt“, sagt Röbke. Er schwitzt. Den ganzen Tag schon hat er Säcke mit Sand gefüllt. Es waren Touristen aus Berlin da, die haben geholfen. „Solche Leute können wir hier gebrauchen“, sagt Röbke. Als der Umzugswagen gegen halb sieben vom Grundstück rollt, ist im Landgasthof Schmidt gerade Einwohnerversammlung. Die erste, seit man von der Bedrohung weiß.

Cumlosen gehört zu den Orten, die durch das Elbehochwasser bedroht sind. 1895 stand Cumlosen schon einmal schulterhoch unter Wasser. Damals brach die Elbe zum bislang letzen Mal durch den Deich zwischen Wentdorf und Müggendorf. Bürgermeister Harald Pohle sagt, dass die Lage sehr ernst sei. Aber die Unterstützung von offizieller Seite sei umfassend. Ministerpräsident Platzeck war schon zwei Mal in der Region. Im Katastrophenfilm wäre Pohle wahrscheinlich derjenige, der zu lange glaubt, dass die Oberen alles im Griff haben.

Hektisch wird seit vergangener Woche Sand auf die Deiche geschüttet. Die Bauleute schieben Extraschichten, um auf 8 Meter 45 zu kommen. „Ob die Deiche halten, weiß ich nicht,“ sagt Pohle seinen 905 Cumlosenern. Er kann auch nicht sagen, wann die Flut kommt. Die Prognosen sagen Dienstag bis Mittwoch. Aber die stützen sich auf Daten, die 48 Stunden alt sind. Seitdem nichts Neues. Die Menschen im Gasthof haben nicht viele Fragen. Es werden Listen angelegt, wer wem helfen kann. Beim Packen etwa. Oder beim Sandsäcke füllen.

Sandsäcke. Einen Euro hat Karl-Heinz Dobbelog pro Sandsack bezahlt. Nur für den Sack – ohne Sand. In Niedersachsen soll es die Säcke umsonst geben für die Elbanwohner.

Am Nachmittag vor der Einwohnerversammlung hat Dobbelog sein Haus hochwasserfest gemacht: Fenster vernagelt, Sandsäcke vor die Kellerfenster gelegt. Kleine Häufchen an der Hauswand. „Hundert Sandsäcke sind doch nichts“, sagt Dobbelog. 100 Euro, aber kein Schutz. Im Film wäre Dobbelog vielleicht derjenige, der unaufregt bis zum Schluss sein Bestes gibt, um sein Heim zu schützen. Und andere zu retten. Vielleicht seinen Vater Kurt. Der ist richtig sauer. Niemand habe sich gekümmert um die Sorgen der Menschen in Cumlosen. Keinen Ansprechpartner gebe es, nichts. Da müsse doch mal jemand kommen und mit den Leuten reden. Erst vorgestern sei dann ein Zettel durch die Tür geflattert, die Einwohner hätten für Sandsäcke selber zu sorgen. Und dann kosten die einen Euro.

Kurt Dobbelog hat ein bisschen Sand von der Deichbaustelle vor seine Garagenzufahrt gehäuft. Die Bauarbeiter haben dazu nichts gesagt. Dabei dürfen sie nichts abgeben. „Das ist die Order“, sagt Polier Hein Heuer. Die Stimmung zwischen den Anwohnern und Arbeitern ist gereizt. Besonders wegen der Sandfrage. Aber Heuer kann da nichts machen. Er lässt die Sandsäcke an die Wasserseite der frisch aufgeschütteten Elbdeiche legen. Die Anwohner lachen darüber, sagt er. Aber er hat eben die Anweisung. Hein Heuer hätte in dem Katastrophenfilm eine tragische Rolle. Ariane Bemmer

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