Der Tagesspiegel : Die Sandsäcke sind liegen geblieben

Am Bösen Ort entschied sich vor einem Jahr das Schicksal der Elbdörfer in der Prignitz. Jetzt wird der notdürftig gehaltene Damm erneuert

Claus-Dieter Steyer

Böser Ort. Am Bösen Ort ist Schluss mit dem unbeschwerten Radeln auf dem Elbdeich zwischen Hamburg und Dresden. Hier reißen Bagger den vor 150 Jahren aufgeschütteten Damm weg, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Obwohl die Arbeiten in der Nähe der Kleinstadt Lenzen in der Prignitz nicht gerade ein tolles Fotomotiv abgeben, klicken dennoch die Apparate. „Der Böse Ort muss einfach ins Album“, sagt ein Ausflügler aus Niedersachsen. „Der war schließlich vor einem Jahr tagelang in den Nachrichten. Hier ist doch beim Hochwasser das Schicksal des ganzen Landstriches entschieden worden!“ Und der Mann macht eine Entdeckung: „Hier liegen ja noch Sandsäcke! Jede Menge sogar!“

Tatsächlich. Wer sich heute die Mühe machen würde und die am Bösen Ort weiterhin liegenden Sandsäcke zählen würde, der käme auf rund 500 000. In den Augusttagen 2002 sicherte die doppelte Anzahl auf 800 Metern Länge den Deich gegen einen Durchbruch der Elbe und die Überflutung von 39 vorsorglich evakuierten Dörfern. Nach dem Rückgang des Pegels blieben eine halbe Million Säcke an Ort und Stelle – zum Glück, wie sich im Januar zeigte. Denn da erreichte das Wasser wieder bedrohliche Höhen; wer weiß, was ohne die Säcke geworden wäre.

Jetzt aber soll der Böse Ort einen modernen und besseren Damm erhalten. Seinen ungewöhnlichen Namen trägt der eigentümliche Knick im Elbdeich schon seit mehr als 100 Jahren: Hier steuerten Kapitäne ihre großen Frachtschiffe oft auf Sandbänke, die sich immer wieder an unterschiedlichen Stellen im Fluss gebildet hatten. Denn hier trifft die Elbe im 90-Grad- Winkel auf den Deich und lagert ihren Sand je nach Wasserstand ganz verschieden ab.

„Von den 75 Deichkilometern in der Prignitz entspricht aber noch nicht einmal die Hälfte den Anforderungen an ein neues Jahrhunderthochwasser“, sagt Landrat Hans Lange (CDU). „Wenn im Schnitt pro Jahr vier bis fünf Kilometer Neubau geschafft werden, müssen wir uns also noch ein Jahrzehnt auf gefährliche Lagen einrichten.“ Doch auch immer höhere und festere Deiche würden keine absolute Sicherheit vor Überflutung bieten. „Wer garantiert uns denn, dass ein neues Hochwasser nicht noch viel höhere Pegelstände erreicht?“, fragt Lange. Die Lösung könnten nur neu ausgewiesene Überschwemmungsflächen sein, auf denen das Wasser ungefährlich abfließt.

Die Prignitz halten die Fachleute allerdings als wenig geeignet dafür. Die weiter flussabwärts gelegenen Regionen in Sachsen oder Sachsen-Anhalt könnten dem Fluss bei Hochwasser viel eher seine zerstörerische Kraft nehmen. „Auf der Landkarte folgen hinter uns keine großen gefährdeten Gebiete mehr“, meint der Landrat. „Die Sicherheit Hamburgs hängt nicht von uns ab. Da liegen noch viele Kilometer Fluss und die Wehranlage in Geesthacht dazwischen.“

Dennoch wird auch in der Prignitz die Verlegung eines Deiches um 1,2 Kilometer ins Landesinnere diskutiert. Zwischen Lenzen und Wustrow sollen dadurch 400 Hektar Überschwemmungsfläche gewonnen werden. Dafür erhielte der alte Deich mehrere Schlitze, durch die das Hochwasser fließen könnte. Auf einer 70 Hektar großen Fläche soll ein sonst weitgehend verschwundener Auenwald aus Weiden, Eschen und Ulmen entstehen. Sieben Millionen Euro kostet das vom Bundesamt für Naturschutz und dem Land Brandenburg getragene Projekt.

Den Bösen Ort würde der verlegte Deich entschärfen. Doch bis die Entscheidung gefallen ist, wird am alten Damm gearbeitet, um endlich die Sandsäcke zu ersetzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar