Der Tagesspiegel : Die Schwangerschaft blieb unbemerkt

Mutter der getöteten Zwillinge hielt ihren Zustand geheim. Auch vor sich selbst? Der Vater wusste von nichts.

Sandra Dassler

Biesenthal/Frankfurt (Oder)Biesenthal/Frankfurt (Oder) - Anette Bargenda hat schon Sabine H. angeklagt, jene Mutter, die neun ihrer 13 Kinder nach der Geburt sterben ließ und in Blumenkübeln auf dem Balkon versteckte. Der Fall, den die Frankfurter Staatsanwältin nun bearbeitet, ist fast genauso grausam wie der von Brieskow-Finkenheerd. Und genauso wenig zu begreifen:

Eine junge Frau, die Lehrerin werden möchte und in Rostock studiert, soll wie berichtet ihre Zwillingssöhne getötet haben – den einen nach, den anderen noch vor der Geburt. Die 21-Jährige kommt, wenn man Nachbarn und Freunden glauben darf, aus einer intakten Familie und hat keine finanziellen Probleme. Und sie gibt bei den Vernehmungen an, sie sei nicht schwanger gewesen. Beziehungsweise, sie habe die Schwangerschaft nicht bemerkt. Und wieder fragen sich nicht nur die Menschen in Biesenthal, wie es möglich ist, dass keiner etwas gesehen hat. Die Zwillinge waren ausgereift und voll entwickelt. Kann man zwei Kinder in einem Bauch übersehen?

Staatsanwältin Anette Bargenda kennt diese Fragen schon. Sabine H., die Mutter der Babys von Brieskow-Finkenheerd, war neunmal schwanger. Neunmal konnte sie ihre Umwelt täuschen. Neunmal hat angeblich selbst ihr Ehemann nichts bemerkt. Aber kann es sein, dass eine 21-jährige Frau nicht spürt, dass sie schwanger ist? Dass zwei Kinder in ihr heranwachsen, die strampeln, boxen, sich bewegen? Experten wie der gerichtspsychiatrische Sachverständige Matthias Lammel aus Berlin kennen das Phänomen. Solche Frauen wehrten schon allein den Gedanken ab, dass sie schwanger sind, sagt er. So lange bis das Kind geboren wird. Dann kommt es oft zu Panikreaktionen. Neonatizide heißen Kindstötungen während oder gleich nach der Geburt.

Auch die 21-Jährige aus Biesenthal hat möglicherweise erst bei der Geburt des ersten Kindes den Gedanken gefasst, es zu töten. Als sie merkte, dass noch ein zweites Baby in ihr war, schlug sie offenbar mit den Fäusten so heftig auf ihren Bauch ein, dass das Kind starb. Weil sie es nicht mehr gebären konnte, wäre sie ohne Eingreifen der Ärzte wohl selbst gestorben, sagt ihr Verteidiger, der den Medizinern ausdrücklich dankte.

Während die junge Frau in einem Haftkrankenhaus körperlich und psychologisch betreut werden muss, ist auch der mutmaßliche Kindsvater vernommen worden. Er hat ausgesagt, nichts von einer Schwangerschaft gewusst zu haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben