Der Tagesspiegel : Die simulierte Dunkelkammer

Seine neuen Bilder in der Galerie Johnen nennt Thomas Ruff „Fotogramme“. In Wahrheit sind es digitale Erfindungen.

Marcus Woeller

Die klassische Fotografie ist fast tot. Gemeuchelt vom Digitalen. Verschüttet in Datenlawinen. Von der unendlichen Manipulierbarkeit der computergestützten Bildbearbeitung um die eigene Existenz betrogen. Nur einige analoge Techniken sind noch von der Aura des Einzigartigen umflort. Zum Beispiel das Fotogramm: Objekte direkt aufs Fotopapier legen, belichten, entwickeln. Und fertig ist das Unikat. Fotopioniere wie William Henry Fox Talbot oder Hippolyte Bayard haben sie schon in den 1830er Jahren fotogenische Zeichnungen geschaffen. Man Ray und Lászlo Moholy-Nagy etablierten die Fotogramme als Sprache der Avantgarde.

Doch mit solcher Analog-Nostalgie ist jetzt Schluss. Denn Thomas Ruff hat sich der Sache angenommen und präsentiert in der Johnen Galerie in Berlin seine „photograms“. Und die sind natürlich vollkommen digital entstanden! Die neuen Arbeiten basieren auf der perfekten Simulation einer Dunkelkammer im virtuellen Raum. Zusammen mit dem Designprofessor Wenzel S. Spingler hat Ruff dafür die Verheißungen eines professionellen 3-D-Programms ausgereizt, um nicht nur diese virtuelle Dunkelkammer zu bauen, sondern auch Objekte wie Streifen, Spiralen, Gitter oder Kristalle beliebig anordnen und beleuchten zu können. Das Fotopapier existiert in der Simulation selbstverständlich auch nur als Simulakrum. Eine zweite Visualisierungssoftware berechnet die Projektion dann schließlich zum fertigen Bild. Die „photograms“ wurden in einer Edition von jeweils vier großformatigen C-Prints produziert (70 000 Euro).

Beim Schwarz-Weiß-Motiv „phg.05_I“ spürt man die Reminiszenz an Moholy-Nagy. Nicht nur an dessen Fotogramme, sondern auch an den berühmten „Licht-Raum-Modulator“, den der ungarische Künstler am Bauhaus in Dessau entwickelte. Ruff gelingt es mit seiner Hommage aber, die Starre des Lichtbilds mit der Beweglichkeit dieser kinetischen Installation zu vereinen. Die virtuellen Objekte – Stäbe, Ringe und Linsen – konnten in einer Bewegung aufgenommen werden, so als stürze der Laboraufbau direkt über dem Fotopapier zusammen.

Im Bild „r.phg.06_I“ kommt dann Farbe ins Spiel. Eine Möglichkeit, die Moholy-Nagy und Man Ray noch nicht zur Verfügung stand. Der Blickpunkt taucht nun tief in die Reflexionen ein, doch gleichzeitig erhöht Ruff den Abstraktionsgrad. Konkrete Dinge, die hier Licht und Schatten werfen, kann man nur noch erahnen. „em.phg.01“ oder „ch.phg.01“ lösen sich völlig auf in der dekorativen Verschränkung leuchtender Kurven und Farbverläufe.

Die Titel verweisen jeweils auf fototechnische Methoden, die teilweise auch in der analogen Fotografie angewendet wurden. Das typisch dreibuchstabige Kürzel phg bezeichnet das Dateiformat, die vorangestellten Lettern die jeweilige Aufnahmetechnik. So ahmen die Bilder etwa den Retroadapter für Makroaufnahmen nach, simulieren Solarisationstechniken oder Verfahren der Farbfotografie.

Thomas Ruff war in der legendären Klasse von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie. In seinem Werk thematisiert er die Fotografie nicht nur in ihrer Bandbreite, sondern auch in ihrer medialen und sozialen Entwicklung. Berühmt wurde er mit Porträts, die in der Art überdimensionierter Passbilder die Gesichter bis in die Abgründe jeder Hautunreinheit porentief analysierten. Mit derselben Präzision observierte er Gebäude oder den Sternenhimmel. Er experimentierte mit Nachtsichtgeräten und der Stereoskopie. Mit der wachsenden Bilderflut im Internet befasste sich Ruff in der Serie „Nudes“ und verfremdete Pornofotos. Mit seiner neuen Reihe spielt er analoge und digitale Fotografie gegeneinander aus – scheinbar zugunsten der computergenerierten Bilderzeugung. Doch seine Dekonstruktion klassischer Techniken mit den Mitteln der EDV bezeugt doch Respekt vor den „Alten Meistern“. Die Bildfindung bleibt in Künstlerhand, der Informatiker sorgt für die Programmierung, aber die Mühe des Renderns kann getrost den Maschinen überlassen werden. Marcus Woeller

Johnen Galerie, Marienstr. 10; bis 25.1. Di–Sa 11–18 Uhr

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