Der Tagesspiegel : Die Spree wird länger

Der Fluss soll wieder durch seine früheren Arme fließen – statt durch künstlich angelegte Durchstiche

Claus-Dieter Steyer

Mönchwinkel - In Mönchwinkel bei Erkner ist ein alter Arm der Spree geöffnet worden. Und jetzt ist der Fluss 900 Meter länger geworden. Damit wird eine Begradigung von 1962 rückgängig gemacht. Damals war hier eine große Biegung des Flusses durch einen geradlinigen Kanal abgeschnitten worden. Der Grund war der gleiche wie jetzt: die Sorge um den Pegel der Spree. Vor 43 Jahren gab es in dem Fluss jedoch zu viel Wasser – während er heute in trockenen Jahren schon mal zum Stehen kommt.

Deshalb soll die Spree an möglichst vielen Stellen jetzt wieder in ihr angestammtes Bett zurückkehren. Vorerst werden zwischen dem Spreewald und dem Berliner Stadtrand weitere vier Altarme geöffnet. Damit wird sich der Flusslauf um insgesamt fast drei Kilometer verlängern.

„Die Altarme sind viel enger und bis zu zwei Meter flacher als die später gegrabenen Durchstiche“, sagt Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes. „Damit gewinnt der Fluss an Fließgeschwindigkeit.“ Während unter einem trägen Fluss Fische und Pflanzen gleichermaßen litten, erklärt Freude, gelange durch die Wirbel an den engen Kurven mehr Sauerstoff ins Wasser.

Zwischen 1906 und 1912 war die Spree zwischen Cottbus und dem Müggelsee weitgehend zum Kanal gemacht worden. Alle natürlichen Windungen und Kurven verschwanden, um Schiffsverkehr möglich zu machen. Kohle, Sand, Kies und Gemüse sollten preiswert in die Großstadt kommen. Allerdings löste schon bald die günstigere Eisenbahn die Schiffe ab. Fünf Jahrzehnte später aber erwies sich die Begradigung als Glücksfall: Denn die breite und tiefe Spree konnte nun problemlos die riesigen Wassermengen aus den Braunkohlegruben aufnehmen. Am Pegel in Leibsch am nördlichen Ende des Spreewaldes flossen zu DDR- Zeiten bis zu 100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde vorbei. Heute sind die meisten Gruben geschlossen und werden zudem mit Spreewasser geflutet. Außerdem stellen die Meteorologen seit einigen Jahren in der Lausitz eine geringere Niederschlagsmenge fest. Sie beträgt im Einzugsgebiet der Spree im Jahresverlauf nur 382 Millimeter – ein Drittel des Durchschnitts in Deutschland. So fließen heutzutage bei Leibsch nur noch sechs Kubikmeter Wasser pro Sekunde vorbei. So wenig, dass es in dem viel zu breiten und tiefen Bett kaum vo- rankommt und Berlin in manchen Sommern kaum noch Nachschub erreicht.

„Wir können aber nicht alle Altarme wieder öffnen, da in dem alten Flussbett heute vielerorts Häuser stehen oder Straßen verlaufen“, erklärt der Präsident des Landesumweltamtes. Dennoch hofft er auf einen Erfolg des 2003 gestarteten und bis 2009 geltenden „Masterplans Spree“. 3,1 Millionen Euro kosten die Arbeiten an fünf Abschnitten des Flusses.

Ein Ergebnis zeigte sich sofort nach Öffnung des schmaleren und flacheren Altarmes bei Mönchwinkel: Der Wasserspiegel stieg hier um zehn Zentimeter an.

Die alten Durchstiche indes werden nicht zugeschüttet, sondern weiterhin mit Spreewasser – in geringen Mengen – versorgt. Hier sollen sich unter anderem Wasserschildkröten und andere seltene Tiere ansiedeln.

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