Der Tagesspiegel : Die Steppe lebt – in Brandenburg

Die Klimaveränderung lässt Tiere und Pflanzen aus Südeuropa und Asien in der Region heimisch werden

Jan Kixmüller

Potsdam - An seine erste Begegnung mit dem Dornfinger kann sich Matthias Freude noch gut erinnern. Vor rund 20 Jahren hat er die grünbraune, rund 15 Millimeter große Spinne mit rotem Kopf im Potsdamer Umland zum ersten Mal fotografiert. Woran sie bei dem Gliederfüßer waren, wussten sie schnell, als Freudes Kollege gebissen wurde. Der Dornfinger ist eine Giftspinne, deren Bisse die Gefährlichkeit von Hornissenstichen haben. Damals war die Spinne noch eine extreme Seltenheit in der Region. Heute ist sie häufiger im Potsdamer Umland anzutreffen. Die aus dem Mittelmeerraum stammende Spinne fühlt sich hier durch die wärmeren, trockeneren Sommer auf Wiesen sehr wohl.

Dass das Phänomen der Ausbreitung von südlichen Insekten, Vögeln, Tieren und Pflanzen bei uns im Zusammenhang mit dem Klimawandel steht, ist für den Präsidenten des Landesumweltamtes Brandenburg keine Frage. Der Dornfinger sei dabei nur ein Beispiel. Freude hat zahllose weitere. Etwa die Libellen. Heute gibt es schon fast 70 Arten in Brandenburg, mindestens ein Dutzend davon sei erst in jüngster Zeit bei uns eingewandert. Etwa die Feuerlibelle, die aus Südeuropa, Afrika und Westasien stammt. Das knallrote Männchen ist kaum zu übersehen. „Sieht aus wie ein Feuerwehrauto“, scherzt der Biologe.

Matthias Freude findet kaum ein Ende in der Aufzählung von neuen Bewohnern der Region. So der Goldgelbe Laufkäfer: „Vor 20 Jahren bei uns noch unbekannt, läuft er nun über ziemlich jeden Acker“. Oder die Schmetterlinge: „Der Segelfalter war vor zehn Jahren noch eine große Seltenheit in Brandenburg. Jetzt knabbert er in den Vorgärten um Cottbus die Pfirsichbäume an.“ Gerade die ehemaligen Braunkohletagebaugebiete in der Lausitz würden für viele Insekten aus dem Süden mit ihrem trockenen und „sonnendurchglühten“ Klima ein neues Zuhause bieten. Auch die Heuschrecken fühlen sich bei Wärme wohl. Neu ist bei uns seit kurzem etwa die Italienische Schönschrecke. Sie ist sehr auf Wärme und Trockenheit angewiesen und lebt an sandigen Stellen. In der märkischen Streusandbüchse dürfte sie sich also äußerst heimisch fühlen.

In den meisten Fällen kommen die Insekten aus Südosteuropa hierher, aber auch vom Kaspischen Meer und aus der südsibirischen Steppe. Meistens fliegen sie bis in den Norden, oft werden sie auch von Winden getragen. Kriechtiere reisen mitunter unbemerkt in Zügen oder Lastwagen. Wenn sie dann das passende Klima und die nötige Nahrung vorfinden, bleiben sie und vermehren sich. Unsere harten Winter stören die meisten der Neulinge kaum, da ihre Eier auch durch kontinuierlichen Frost nicht geschädigt werden. Und so lange die „Einwanderer“ noch neu in einer Region sind, haben sie meist auch kaum natürliche Feinde.

Im Jahr 2001 haben Kollegen von Freude zum ersten Mal die Violette Rainfarneule, einen Falter aus südöstlichen Steppenlandschaften, beobachtet. Heute hat sich der Falter bereits in der ganzen Mark ausgebreitet. Eines der auffälligsten Merkmale des gegenwärtigen Wandels ist seine Geschwindigkeit. „Zurzeit beobachten wir unglaubliche Umwälzungen bei Flora und Fauna, die sehr schnell vonstatten gehen“, erklärt Freude. Seien es die ein bis zwei Wochen verfrühten Vegetations- und Blühperioden der Pflanzen oder das Einwandern von südlichen Schädlingen wie dem Maiszünsler. Auch der Nelkenwickler fühlte sich ursprünglich im Mittelmeerraum am wohlsten – jetzt frisst sich er sich auch durch die Blätter von hiesigen Zimmerpflanzen. Auch immer mehr Borkenkäferarten wandern ein und bohren sich nun durchs Holz der Thuja-Gartenhecken und Scheinzypressen. Auch die wollige Napfschildlaus, die Lindenstämme befällt, kam einst aus dem Süden.

Mögen sich die Forscher über Ursachen der Klimaerwärmung noch streiten, ihre Auswirkungen sieht Freude in seiner täglichen Arbeit. „Die eingewanderten Tiere und Pflanzen halten sich längst an die neuen Rahmenbedingungen.“ Temperaturaufzeichnungen untermauern die Umwälzungen: Für den Zeitraum Juni bis August zeigt etwa die Sommertemperatur der vergangenen 100 Jahre in Angermünde ein Plus von 3,7 Grad. Der Klimawandel verlaufe in einem so rasanten Tempo, dass Freude langfristig schon heimische Arten wie die Buche auf der Strecke bleiben sieht. Sie verbreitet sich nur sehr langsam, und kann deshalb dem Klimawandel nicht schnell genug nach Norden ausweichen. Andere Arten werden von den Änderungen überrascht. Etwa der Kuckuck, der seine Zugzeiten noch nicht umgestellt hat: Wenn er aus seinem Winterdomizil in Südafrika zurückkehrt, kann es vorkommen, dass die Vögel hier mit der Brut schon fertig sind. Dann findet er kein Nest mehr für seine Kuckuckseier.

Matthias Freude kennt die Bedingungen in Brandenburg gut. Er war einer der Begründer des Nationalparkprogramms der DDR, auf dem 1990 das brandenburgische Konzept der Großschutzgebiete aufbaute. Und wenn in der Lausitz ein Goldschakal – vermutlich aus Bulgarien oder Ungarn – auftaucht, und sich in der steppenähnlichen Braunkohlefolgelandschaft einige Jahre lang wohl fühlt, dann weiß Freude, dass das eine „Sensation“ ist. In seinem Dienstzimmer bewahrt er einen Maikäfer auf, der vor einigen Jahren in Potsdam geschlüpft ist – an einem 28. Januar.

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