Der Tagesspiegel : Die U-30-Party

Flucht ins Paradies? In den Kunstsälen breitet die nächste Künstlergeneration ihre Themen aus.

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Generation Gesamtkunstwerk. Im Vordergrund die Skulptur „Rainbow Country isn‘t a borderless statement“ von Christoph Medicus (2012). Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Generation Gesamtkunstwerk. Im Vordergrund die Skulptur „Rainbow Country isn‘t a borderless statement“ von Christoph Medicus...

Generation maybe, Generation Facebook, Generation Y. Die aktuell Zwanzig- bis Dreißigjährigen leiden unter immer neuen Fremdzuschreibungen. Gerade erst nannte sie der selbst 30-jährige Journalist Konstantin Sakkas in einem Radioessay „Generation Gesamtkunstwerk“, deren Vertreter mit zwanzig schon beim Therapeuten gewesen seien und sich statt von Ideologien von einem harten, klaren, wesenhaften Individualismus leiten ließen. Grässlich, oder? Wer will schon zu solch einer egozentrischen Gruppe gehören?

Nun hat sich das junge Kuratorenkollektiv Bublitz der Selbstwahrnehmung der zwischen 1980 und 1990 Geborenen angenommen. Mona El-Bira, Madlen Stange und Julian Malte Schindele hatten genug von den Begrifflichkeiten, die auf sie einprasseln, sind auf Ausstellungsrundgänge der Kunsthochschulen in Hamburg, Dresden und Berlin gegangen und haben ausgewählt, was ihnen auffiel. „Ganz subjektiv“, sagen sie. „Wenn wir versuchen, ein Bild unserer Generation zu zeigen, brauchen wir Menschen, die diese Zeit kennen“, erklärt Mona El-Bira den gemeinsamen sozialhistorischen Ansatz. Schon im September 2011 zeigten sie im Berliner Projektraum Mica Moca eine erste Auswahl von elf Künstlern. Nun sind in einer zweiten Auflage 40 Werke von 26 Künstlern zu sehen, nächstes Jahr soll eine dritte Auswahl in Dresden präsentiert werden.

„Handlungsbereitschaft“ haben sie die Gruppenschau treffend genannt: „Die Energie zum Handeln ist da“, meint Schindele, „aber es fehlen Begriffe und Formen dafür.“ Auf der anderen Seite eint sie das Erlebnis „monolithischer Ereignisse“ wie Mauerfall oder der Anschlag auf das World Trade Center von 9/11. Mona El-Bira ergänzt: „Es muss eine Kanalisierung geben, dafür, dass man sich nicht nur selbst optimiert.“ Etwas, das die „Leere des idealistischen Hedonismus“ füllt, setzt Schindele noch einen obendrauf. So klingen – bildungsbürgerliche – Idealisten.

Und Idealismus wird belohnt. Großzügig haben die Kunstsäle und die Galerie Aanant & Zoo ihre Räume zur Verfügung gestellt (Bülowstraße 90, bis 2. September, Mi - So 11 - 18 Uhr, www.handlungsbereitschaft.eu). Über eine erfolgreiche Kampagne auf der crowdsourcing-Plattform Startnext und über private Spenden von Freunden und Eltern finanziert das Trio die notwendigen Kosten, auch für den Katalog und ergänzende Veranstaltungen. Keiner, weder sie noch die ausgestellten Künstler, kann momentan von seiner kulturellen Arbeit leben. Nebenjobs wie Kellnern oder Hilfe beim Ausstellungsaufbau sind gang und gäbe. Das Prekäre, also das ökonomisch unsichere Dasein, scheint seit der Generation Praktikum im Mainstream angekommen zu sein. Und die totale Selbstausbeutung als anonymer, unsichtbarer Zuarbeiter hat ein Ende: Jetzt fließt jeder Euro, den das unternehmerische Selbst verdient, in den Aufbau des eigenen Profils, aber auch in die nächste künstlerische Arbeit. Alle Werke der Ausstellung sind folglich verkäuflich (Preise: 400-2400 Euro).

Dabei wird der Druck des Marktes, auf dem sich jeder behaupten muss, sei es in digitaler oder analoger Form, in keinem Kunstwerk zum Thema. Auffällig sind weitere Leerstellen: Armut, Existenzangst, Arbeitslosigkeit oder die Abhängigkeit von den Eltern fehlen völlig. Stattdessen: die Sehnsucht nach der Natur. Da verdeckt Nils Pegel in „Paradise Now“ auf gefundenen und gerahmten Paradieslandschaften mit Edding jegliche Spuren von Zivilisation. Mikka Wellner erstellt in „STAR“ eine Kopie des Meeres, indem er ein Video, das das sonnenglitzernde Mittelmeer zeigt, mit dem Rauschen eines anderen Meeres überblendet. Julius von Bismarck peitscht die monumental erhöhte Natur (Alpen, Freiheitsstatue) aus.

Am konsequentesten ist Johannes Vogl, der in einer Hörskulptur vorlesen lässt, was auf deutschen Autobahnen liegt: Gefahr durch einen Bezinkanister. Schließlich überzeugt auch Mike Ruiz, der die künstliche Landschaftsidylle, die jeder durch seine Desktop-Standardeinstellung kennt, mit kleinen Hügelkuppen und weißen Wölkchen erweitert: „Extended Bliss“. Weil die unschuldige Natur in ihrer programmierten Version noch möglich ist, schmerzt die Abwesenheit von wahrhaft ursprünglicher Wildnis nun weit weniger. In dieser Arbeit wird auch der zweite Kontext deutlich, der viele Werke dieser Generation prägt: das Internet sowie die Technologien und Plattformen, die es bevölkern.

Martin Kohout hat sich in „Watching Martin Kohout“ dabei gefilmt, wie er Videos auf Youtube schaut – und diese mehr als 800 Filme wiederum in seinen eigenen Youtube-Kanal gestellt. Das Ich in seiner technischen Reproduzierbarkeit. Nervtötend. Witzig und auch verletzlich wirkt dagegen Martin Bothe, der drei Monate lang alle ein- und ausgehenden SMS mit Filzstift abgeschrieben hat. Er spielt mit Wahrhaftigkeit, wenn er selbst die Sexangebote an seine Freundin öffentlich zugänglich macht, gleichzeitig aber auch mit Automatisierung, wenn gleichberechtigt O2-Servicemeldungen auftauchen. Voyeurismus, Kommunikationszwang, Datenschutz: aktuelle Debatten.

Die einzigen dezidiert politischen Arbeiten, also Arbeiten, die sich auf eine politisch diskutierte Realität beziehen, zeigen wiederum das Spannungsfeld, in welchem diese Generation politisch denkt. Linus Dutz kritzelt auf drei goldene Din-A4-Schmirgelpapiere das Wort Tibet – gleichgültiger, nebensächlicher und de-engagierter könnte es da nicht stehen. Henrike Naumann, gebürtige Zwickauerin, war Anfang November 2011, als die Zwickauer Zelle aufflog in ihrer Heimatstadt und konnte nicht anders, als ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen diesem Thema zu widmen. Sie habe gesehen, wie ihre Kindergartenfreunde in die Neonaziszene hineinwuchsen, aber sie hätte jahrelang eher ihr eigenes Glück gesucht, anstatt genau hinzuschauen, wie sich das Klima in Deutschland verändert. In sechs Monaten filmte sie für „Triangular Storys“ mit 80 Leuten Fake Home Videos auf VHS (dieses altertümliche Drehverfahren mussten ihr die Professoren auch erst mal erlauben), inszeniert wie im Jahr 1992, mit Porzellanharlekin und lila bezogenem Schreibtischstuhl. Ein Film zeigt junge Neonazis in Jena, der andere party people auf Ibiza. „Meine Generation ist handlungsbereit, aber mit sich selbst beschäftigt“, weiß Naumann.

Sie glänzt, aber sie ist träge. So wie das Altöl in der faszinierenden Installation „000011102“ der noch bei Olafur Eliasson studierenden Künstlerin Ekaterina Burlyga. Erst wenn ein fetter Subwoofer angestellt wird, der unter der schwarzen Flüssigkeit verkabelt ist, wirft es Muster, fiebrig nach oben ausschlagende Säulen.

Einige trauen sich, endlich wieder „wir“ zu sagen. Und das ist schon was in Zeiten einsam vernetzter Subjekte.

Die Autorin wurde 1976 geboren und hat 2006 das Buch „Die Lebenspraktikanten“ (S. Fischer Verlag) veröffentlicht.

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