Der Tagesspiegel : Die verkauften Landesrinder

Im zweiten Anlauf will sich Berlin von seinen Stadtgütern trennen. Den Anfang soll die Milchviehanlage Großbeeren machen

Claus-Dieter steyer

Großbeeren – Berlin will sich von einem Superlativ trennen und die größte Milchviehanlage in West- und Mitteleuropa verkaufen. Die 2700 Rinder stehen zwar in Großbeeren und damit einige Kilometer vor der Stadtgrenze, aber Eigentümer ist Berlin. Die Tiere gehören zu der Berliner Stadtgüter-Gesellschaft, die seit 130 Jahren große Flächen im Umland bewirtschaftet. Die Güter dienen heute fast ausschließlich der Land- und Forstwirtschaft, waren aber einst vorrangig für die Anlage von Rieselfeldern angelegt worden. Nun will sich die Stadt wieder einmal von ihrem „tierischen Vermögen“ trennen. Ein erster Versuch war vor zwei Jahren wegen mangelnder Nachfrage gescheitert. Den Anfang des neuerlichen Verkaufs soll das „Stadtgut Süd“ mit den großen Rinderställen machen.

Das historische Gutshaus von Großbeeren, das vor einigen Jahren einen modernen Anbau für die Amtsverwaltung erhielt, lässt die einstige Bedeutung des Betriebes erahnen. 1890 bezog der Gutsverwalter die Räume. Zu dieser Zeit gelangten große Mengen von Abwasser und Fäkalien aus der wachsenden Großstadt bereits auf die Felder rings um das Dorf. Der königliche Baurat James Hobrecht hatte die geniale Idee, mit einem Abwassersystem die Stadt vor Seuchen und Verunreinigungen zu bewahren. Die Kanäle endeten auf freien Flächen rings um die Stadt, die sich Berlin zuvor gekauft hatte.

Der Gestank war oft bestialisch, aber die dunkle Brühe hatte auch eine gute Seite. Sie förderte die Humusschicht und führte zu saftigen Wiesen und guten Erträgen bei Gemüse, Mais, Gurken und Salat. Schweine, Schafe und vor allem Rinder entwickelten sich prächtig. Daran änderte sich auch zu DDR-Zeiten nicht viel. Nur hielt Schritt für Schritt die „industrielle Tierproduktion“, wie das Schlagwort lautete, Einzug. Die Milchkühe blieben das ganze Jahr über im Stall und kamen zum Melken in ein merkwürdiges Karussell, wo ihnen technische Apparate die Zitzen leerten.

Heute geht es in Großbeeren ähnlich zu. Die Kühe verbreiten in den endlos scheinenden Ställen eine wohlige Wärme. Computer erfassen die Futter- und die Milchmenge jedes einzelnen Tiers. Alles ist modern und sauber. Nur der einstige Vorteil der saftigen Wiesen und ertragreichen Felder für das Futter ist kaum noch zu spüren. Seit der Abschaltung der Rieselanlagen kurz vor und nach der Wende weisen die Böden nahezu die gleiche Qualität wie der nicht gerade gute Brandenburger Durchschnitt auf. „Doch wirtschaftliche Zwänge führten nicht zum neuen Verkaufsangebot“, sagt der Stadtgüter-Geschäftsführer Peter Hecktor. „Im nächsten Jahr würden wir bestimmt schwarze Zahlen schreiben.“ Das ist vor allem dem drastischen Personalabbau geschuldet. Allein in den vergangenen Monaten erhielten 60 Beschäftigte ihre Kündigung, so dass jetzt auf den Stadtgütern noch 230 Arbeitsplätze bestehen. An den drei zum Verkauf stehenden südlichen Standorten arbeiten 90 Bauern und Techniker.

Die eigentlichen Flächen will Berlin behalten. Nur die Immobilien, das Inventar, die Milch und die gesamte Produktion sollen verpachtet werden. Es handelt sich um 7000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, 3000 Kühe und 1200 Färsen. Dieses Vermögen erhält der Interessent allerdings nur im Gesamtpaket, um eine Zersplitterung zu vermeiden.

Über Preise gibt es bisher noch keine genauen Angaben. Bis Ende August sammelt die Stadtgüter GmbH zunächst Angebote von Interessenten. Allerdings fällt der beabsichtigte Verkauf in eine schwierige Zeit. Die Milchpreise befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit Jahren, so dass viele Brandenburger Bauern Existenzangst haben. Da wird sich die Nachfrage in Grenzen halten. „Wir bieten aber keine maroden Betriebe an“, versichert Geschäftsführer Hecktor.

Im Unterschied zu dem im Herbst 2001 gescheiterten Verkauf fehlt in den Angeboten diesmal eine vielleicht entscheidende Bedingung: Die Pächter müssen sich nicht mehr zu einer ökologischen Landwirtschaft verpflichten. Nur bei gleichwertigen Angeboten werden Öko-Betriebe vorrangig berücksichtigt. Das kritisiert Lisa Paus, wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Eine Machbarkeitsstudie habe gezeigt, dass eine Umstellung auf die schonende Wirtschaftsart – artgerechte Tierhaltung und Verzicht auf großflächige chemische Düngemittel – in vier der sechs Stadtgüter möglich sei. Danach müsste sich auch der Pachtpreis richten. „Bieter, die auf Öko-Landbau umstellen wollen, können deswegen nicht den gleichen Preis zahlen wie konventionelle Betreiber“, meint Paus. Auch sollte der Senat nur solche Bewerber in Betracht ziehen, die keine gentechnisch veränderten Pflanzen zulassen.

Nach Abschluss der Stadtgüter-Verkäufe im Süden beginnen die Ausschreibungen für die übrigen Immobilien und Tiere in den anderen Himmelsrichtungen rund um die Großstadt. Auch hier will Berlin seine ungewöhnliche Rolle als „Großmilchbauer“ beenden.

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