Der Tagesspiegel : Die Waschbären-WG

Ursula Stöter kümmert sich um verwaist aufgefundene Junge der Pelztiere Auf ihrem Hof leben sie mit Ziegen, Mardern und einer Vogelspinne zusammen

Matthias Matern

Neuruppin - Bert und Berta sind vor rund einem Jahr in einem Doppelstockbett zu Welt gekommen. Heute leben die beiden pelzigen Geschwister auf dem Hof der Stöters im Neuruppiner Ortsteil Krangen. „Die Waschbärin hatte sich in einem Ferienbungalow in Alt-Ruppin eingenistet und dort ihre Babys zur Welt gebracht“, erzählt Pflegemutter Ursula Stöter. Als die Eigentümer nach längerer Zeit den Bungalow wieder einmal nutzen wollten, entdeckten sie die sechsköpfige Waschbärenfamilie in ihrem Bett und versuchten, die ungebetenen Untermieter mit lauter Musik zu vertreiben. „Eigentlich eine recht humane Methode. Immerhin haben sie die Tiere nicht geschlagen“, findet Stöter. Die Waschbärenfamilie floh – Bert und Berta ließ das Muttertier jedoch zurück. Die Bungalow-Besitzer brachten sie zu Ursula Stöter.

Einsam müssen sich die beiden in ihrem neuen Heim nicht fühlen. Fritz und Frida leben schließlich auch dort, ebenso Paul und Paula und all die anderen Artgenossen. Insgesamt 60 Waschbären haben bei den Stöters in den vergangenen zehn Jahren ein neues Zuhause gefunden. „Und immer wieder steht jemand vor unserer Tür und fragt, ob wir noch Platz für weitere Tiere haben“, berichtet Ursula Stöter. Ihr Ruf als Waschbären-Mutti hat sich inzwischen weithin in Brandenburg verbreitet.

Derzeit leben zwölf der nordamerikanischen Kleinbären auf dem Hof am Krangener Dorfkern. „Wir vermitteln die Tiere nur weiter, wenn wir sicher sind, dass sie gemäß der Tierschutzbestimmungen gehalten werden“, sagt Stöter. Ein 20 Quadratmeter großes Gehege sei Minimum. „Außerdem ist es mir wichtig, dass die Tiere mindestens zu zweit sind.“

Außer den Waschbären leben auf dem alten Bauernhof noch rund 300 weitere Tiere: Pferde, Ponys, Schafe, Ziege, Frettchen, Steinmarder, Hunde, Katzen, Papageien, Marderhunde – sogar Schlangen, Schildkröten und eine Vogelspinne bewirten die Stöters in ihrem Hobbyzoo. „Wir haben bei uns 30 verschiedene Tierarten“, sagt Ursula Stöter.

Auf den Waschbär gekommen sind sie und ihr Mann Reiner 1996. „Eine gute Bekannte rief mich an, weil sie bei sich im Gartenteich vier Waschbärbabys gefunden hatte und wusste, dass wir Tiere lieben“, erinnert sich die Neuruppinerin. Eigentlich sei sie erst nicht so angetan gewesen. „Ich hatte so viel Negatives über Waschbären gehört. Dass sie bissig sind, wahre Ausbruchskünstler und schwer sauber zu halten.“

Heute kämpft Stöter selbst gegen die Vorurteile, die den putzigen Einwanderern aus Nordamerika anhängen. „Schließlich war es der Mensch, der die Tiere nach Deutschland gebracht hat.“ Die Schäden, die durch den findigen Allesfresser angerichtet werden, hält sie für vergleichsweise gering. „Die paar Äpfel und Eier! Bei uns wandert doch sowieso viel zu viel auf dem Müll.“ Auch den schlechten Ruf als Nestplünderer, der in Deutschland keine natürlichen Feinde habe, findet Ursula Stöter überzogen. Andere Raubtiere hätten ebenfalls keine natürlichen Feinde mehr, und obwohl der Waschbär schon seit Jahrzehnten vor allem in Brandenburg vorkomme, hätten sich viele bedrohte Vogelarten gerade dort wieder erholt.

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